Es gibt ein philippinisches Kino vor und eines nach Manila: 1975 sorgte der Regisseur Lino Brocka mit seinem Sozialdrama für Aufsehen und sicherte sich internationale Anerkennung. Indem Brockas Werk sozialen Realismus mit melodramatischen Akzenten verknüpft, entwickelt es eine durchschlagende Wirkung.

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Filmkritik:

Der Film begleitet den 22-jährigen Julio, der in Manila nach seiner Freundin Ligaya sucht. Beide stammen aus der Provinz, wo das Mädchen für einen verheißungsvollen Fabrikjob in der Hauptstadt angeworben wurde. Doch nach dem ersten Brief folgte kein weiterer mehr – Julio befürchtet ein Unglück und reist ihr nach. Seine Suche erscheint immer hoffnungsloser, denn als mittelloser Tagelöhner steht Julio selbst vor einer gefährdeten Existenz.

Lino Brocka begann seine Karriere innerhalb des philippinischen Mainstreamkinos und drehte einige Romanzen und Melodramen, die kommerziell erfolgreich waren und nationale Filmpreise gewannen. Doch Brocka blieb unzufrieden; rückblickend bezeichnete er seine frühen Arbeiten als Seifenopern, deren Realitätsflucht künstlerische Größe von vorneherein ausschloss.

Nach einer zweijährigen Schaffenspause schlug Brocka eine neue Richtung ein und drehte ab 1974 pessimistische Dramen, die die prekären Lebensumstände der armen Bevölkerung unter dem Regime des Kleptokraten Ferdinand Marcos offenlegen. Besonders in Manila und Das Mädchen Insiang bewies Brocka ein Talent für die wuchtige Inszenierung wahrhaftiger Geschichten.

In Manila stürzt uns der Filmemacher in die tiefsten Niederungen der philippinischen Hauptstadt. Brocka fängt die prekären Verhältnisse stimmungsvoll ein und benötigt dafür weder ein großes Budget noch inszenatorische Übertreibungen.

Der Film transportiert seine Tristesse über eine gedämpfte Farbpalette voller Brauntöne; aufgrund des niedrigen Kontrastes liegt ein trüber Grauschleier über den Bildern. Die meist statische Kamera entzieht den Szenen jegliche Lebendigkeit und bietet keinen Ausweg an. Dazu passt eine Tonebene, die dissonanten Alltagslärm mit in diesem Kontext sarkastischen amerikanischen Popsongs mischt.

Dennoch gehört Manila nicht zu jenen „Problemfilmen“, die sich genüsslich im Leid suhlen, sondern siedelt überraschend viele hilfsbereite Figuren in der Stadt an. Wenn Julio zu Beginn des Films auf einer Baustelle anheuert, nehmen ihn die neuen Kollegen freundlich auf und leihen ungefragt Essen, Zigaretten und Geld. Selbst im Rotlichtmilieu findet Julio Empathie und Kameradschaft.

Umso bemerkenswerter ist das Fehlen von Antagonisten: Nur selten tauchen Figuren auf, die von den Verhältnissen profitieren – etwa ein betrügerischer Baustellenleiter oder ein korrupter Polizist. Dabei handelt es sich ausnahmslos um „Fußsoldaten“ des kaputten Systems. Die Verantwortlichen für die Missstände schweben derweil weit über der Perspektive der Erzählung.

Das Unsichtbare nimmt in Manila eine zentrale Rolle ein. In der ersten Filmhälfte, die den täglichen Überlebenskampf der Unterschicht beschreibt, fällt vor allem die Abwesenheit der Autoritäten auf – die Leere als Symptom für eine Politik, die sich von ihren Bürgern abgewandt hat. In der zweiten Filmhälfte konzentriert sich Brocka stärker auf Julios Suche nach seiner Freundin, wo das Nicht-Greifbare ebenfalls das wesentliche Element darstellt.

Die Suche nach Ligaya gerät zur Odyssee, das Objekt der Begierde erscheint sowohl Julio als auch uns Zuschauern als utopische Phantasmagorie. Wir kennen das Mädchen nur aus wenigen Rückblenden, die als bruchstückhafte Erinnerungen in den tristen Alltag durchbrechen. Ob Julio seine Jugendliebe finden kann, wird bald durch eine andere Frage abgelöst – ist Ligaya überhaupt noch das Mädchen aus seinen Träumen oder wurde ihre Unschuld längst in den Mühlen dieser Stadt zermahlen?

Im Finale des Films tritt Brockas volle inszenatorische Kraft zutage: Der Regisseur lässt den Pessimismus in Raserei umschlagen und entfesselt ein Inferno, in dem die Wut auf die Welt herausbricht. Manila ist ein verzweifelter Aufschrei in Filmform, der uns betäubt hinterlässt und lange nachhallt.

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DIE ÄRA

Die durch die neuen Wellen der Sechziger Jahre eingeleiteten Veränderungen nahmen auch in den Siebzigern Einfluss. In den USA entstand das New Hollywood und in Europa u.a. der Neue Deutsche Film. Erstmals kumulierten hohe Studiobudgets und die Kreativität junger Regisseure. Gegen Ende der Siebziger sorgte eine neue Entwicklung für die Wende: Die ersten Blockbuster erschienen und etablierten das Konzept marketinginduzierter Kino-Franchises.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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