Mit Glück aus dem Blickwinkel des Mannes drehte Agnés Varda ein doppelbödiges Drama in irritierend fröhlichen Farben. Das zur Nouvelle Vague zählende Werk besticht vor allem durch seine vielseitigen Interpretationsmöglichkeiten und gewann bei der Berlinale 1965 den silbernen Bären.

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Filmkritik:

Vardas Film erzählt von François, der rundum glücklich ist – er lebt in einer beschaulichen Kleinstadt, ist zufrieden mit seiner Arbeit als Tischler und genießt das Leben mit einer liebenden Ehefrau und zwei süßen Kleinkindern. Selbst als François sich in eine Postangestellte verguckt und eine Affäre eingeht, entstehen keinerlei Probleme. Er meistert seine Rolle als Ehemann und Vater weiterhin mit großer Zuneigung, ohne die aufrichtigen Gefühle für seine Mätresse zu verlieren.

Agnés Varda spiegelt François‘ perfektes kleines Glück durch harmonische Bilder. Wie auch Jacques Demy setzt die Regisseurin auf sorgfältig komponierte Farbtableaus, im Vergleich zu ihrem Ehemann benutzt sie allerdings weniger knallige Töne. Dennoch verleihen die pastellfarbenen Akzente dem realistischen Szenenbild eine comichafte Doppeldeutigkeit. Dieser verklärte Blick auf die Welt inspirierte sicherlich auch nachfolgende Filmemacher wie Eric Rohmer, der in Der Freund meiner Freundin ähnlich vorgeht.

Varda greift derweil auf Techniken von Jean-Luc Godard zurück: Sie zitiert Bilder aus Eine verheiratete Frau und übernimmt auch dessen intime Darstellung postkoitaler Kuschelei, die durch Großaufnahmen einzelner Körperpartien der Liebenden gekennzeichnet ist. Außerdem benutzt die Regisseurin Godards seit Außer Atem berühmte Jump Cuts, um die unsichtbare Anziehungskräfte zwischen den Protagonisten offenzulegen.

Doch selbst die szenenweise schnellen Schnitte bringen keine Unruhe in diesen von seligem französischem Charme geprägten Film, dessen Tonfall ausnahmslos positiv bleibt. Alle Figuren sind mit sich im Reinen und nett zueinander, die Sonne scheint, die Blumen blühen. Eine clevere Besetzungsidee trägt zur idyllischen Ausstrahlung bei: Varda engagierte nicht nur den TV-Darsteller Jean-Claude Drouot, sondern auch dessen Frau und Kinder, die Familie des Films fußt also auf einer realen Grundlage.

Im Original heißt Vardas Werk schlicht La Bonheur, „Das Glück“; der deutsche Filmtitel Glück aus dem Blickwinkel des Mannes stellt das Geschehen von vorneherein infrage. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir auf eine Krise oder einen Wechsel des Tonfalls warten – doch die Handlung setzt sich fort wie gehabt.

Wer Vardas Film oberflächlich betrachtet, könnte ihn als vollkommen positiv missverstehen; als eine Proklamation, die das utopische Bild einer offenen Partnerschaft zeichnet und damit eine oppositionelle Haltung zum reaktionären Familienbild der De Gaulle-Ära einnimmt. Mehrfach bringt der Film Bezüge zur Fortpflanzung von Blumen und Tieren an, als wolle er soziologisch herleiten, dass die Menschheit nicht für die Monogamie gemacht ist und das Ein-Partner-Prinzip lediglich ein gesellschaftliches Konstrukt darstellt.

Selbst als der Tod Einzug erhält, verändert sich die sonnige Stimmung nicht. Spätestens jetzt sollten wir feststellen, dass wir einem Trugbild aufgesessen sind. Der Film manipuliert uns, indem er das Geschehen durch die subjektive Wahrnehmung des Protagonisten filtert – wir sehen nie das gesamte Bild, sondern lediglich die Welt des so glücklichen wie blinden François. Ein effektiver Schachzug, den das geniale australische Drama 2:37 viele Jahrzehnte später wiederholte.

Der Reiz von Vardas Werk besteht darin, dass die Regisseurin ihre Intention nicht ausformuliert, sondern uns bis zum Abspann zweifeln lässt. Glück aus dem Blickwinkel des Mannes fußt auf einer paradoxen Perspektivwahl: Es handelt sich um einen feministischen Film aus Sicht eines Mannes. Die rosarote Welt des Protagonisten verhöhnt die Bedürfnisse der beiden Frauen regelrecht. Wie absurd François‘ Wahrnehmung ist, stellt spätestens die letzte Szene heraus, in der sich ein Kreis schließt und der Beginn des Films wiederholt wird. Varda offenbart hier endgültigt, dass es sich um eine sardonische Parabel handelt.

Nachdem Agnés Varda bei ihrem Durchbruchsfilm Mittwoch zwischen 5 und 7 noch auf eine semi-dokumentarische Inszenierung setzte, entwickelte sich die Regisseurin drei Jahre später spürbar weiter. Anstatt die Realität abzubilden, formt sie in Glück aus dem Blickwinkel des Mannes eine Welt nach ihrem Gusto, um uns mit den hübschen Bildern geschickt in eine Falle tappen zu lassen. Das gelingt ausgezeichnet!

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DIE REGISSEURIN

Agnès Varda drehte schon Werke im Stil der Nouvelle Vague, bevor Truffaut und Godard die Strömung populär machten. Im Lauf ihrer 50-jährigen Karriere wechselte Varda zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, wobei besonders die Arbeiten aus den Sechziger Jahren bemerkenswert sind. Vardas Filme drehen sich um die großen Themen des Lebens: Liebe, Freiheit, die Suche nach individuellem Glück.

Entdecke die Regisseurin

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Agnès Varda drehte schon Werke im Stil der Nouvelle Vague, bevor Truffaut und Godard die Strömung populär machten. Im Lauf ihrer 50-jährigen Karriere wechselte Varda zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, wobei besonders die Arbeiten aus den Sechziger Jahren bemerkenswert sind. Vardas Filme drehen sich um die großen Themen des Lebens: Liebe, Freiheit, die Suche nach individuellem Glück.

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DIE STRÖMUNG

Die Nouvelle Vague wischte die altmodischen „Filme der Väter“ beiseite und entwickelte das moderne Kino. Erstmals beschäftigten sich Filme selbstreferenziell mit sich selbst, anstatt lediglich Geschichten mit Bildern zu erzählen. Mit der Generalüberholung von Inszenierung, Schnitt und Erzählweise legte die Nouvelle Vague die Grundlagen unserer heutigen postmodernen Filme, Musikvideos und Werbespots.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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