Strafpark – Punishment Park

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Filmkritik:

Die kontroverse Mockumentary Strafpark schildert die Auswüchse eines Staates im hysterischen Ausnahmezustand. Darüber hinaus formuliert das Meisterwerk von Peter Watkins ein eindrucksvolles politisches Statement und fungiert gleichzeitig als spannende Medienreflexion.

Einige Jahre, nachdem seine düstere Mockumentary The War Game vom BBC unveröffentlicht weggeschlossen wurde, zog Watkins in die Vereinigten Staaten, um dort drei Geschichtsdokumentationen zu drehen. Obwohl diese letztlich nicht zustande kamen, lohnte sich der Umzug: Watkins erlebte aus erster Hand die politisch aufgeheizte Atmosphäre der späten Sechziger Jahre. Der Vietnamkrieg, die Morde an Bobby Kennedy und Martin Luther King, die Studentenproteste und die Repressionen durch die rechtsgerichteten Hardliner der Nixon-Administration gipfelten im Mai 1970 im Kent-State-Massaker, bei dem amerikanische Nationalgardisten auf unbewaffnete Studenten schossen – für Watkins die Geburtsstunde einer filmischen Auseinandersetzung.

Im ersten der zwei parallel verlaufenden Handlungsstränge dokumentiert Strafpark die Verhandlung eines Tribunals aus Regierungsvertretern über eine Gruppe mit der Ordnungsnummer 638. Nacheinander werden die wegen politischer Proteste festgenommenen Bürger vorgeladen und sollen sich dem Ausschuss erklären, doch schnell bricht sich die Wut über dieses undemokratische Vorgehen Bahn und es kommt zu lautstarken verbalen Scharmützeln, die mit einer ordentlichen Verhandlung nichts zu tun haben.

Da Watkins auf Proben verzichtete, die Darsteller in der Verhandlung zum ersten Mal aufeinandertrafen und alle Beteiligten das Geschehen improvisierten, wirken die Szenen ungemein realistisch. Gleichzeitig begeht Watkins hier eine hochgradig subversive Tat: Die in Los Angeles verpflichteten Laiendarsteller wurden dazu angehalten, ihre persönlichen politischen Meinungen zu äußern – Watkins drehte nicht nur einen kritischen Film, sondern traute sich, den unterdrückten Bürgern inmitten der gesellschaftlichen Eskalation eine Plattform für politische Statements zu geben.

Welche Konsequenzen der Gruppe 638 drohen, erfahren wir derweil im zweiten Handlungsstrang anhand des Schicksals der zuvor abgeurteilten Gruppe 637 – vor die Wahl zwischen einer langen Haftstrafe oder drei Tagen Punishment Park gestellt, wählten die Verurteilten Letzteres. Dissidenten, die sich für den Punishment Park entscheiden, müssen innerhalb von drei Tagen zu Fuß und ohne Verpflegung rund 60 Meilen Wüste durchqueren. Gelingt ihnen das, erhalten sie ihre Bürgerrechte und die Freiheit zurück. Der Staat nutzt den Park hingegen, um seine Polizei und die Streitkräfte zu trainieren – zwei Stunden Vorsprung bekommen die Gruppen, bevor die motorisierten Staatsvertreter die Verfolgung aufnehmen. Wer gefasst wird, muss ins Gefängnis. Wer sich wehrt, wird gewaltsam festgenommen.

Befeuert durch die widrigen Bedingungen und das vergiftete Klima eskaliert die Hetzjagd auf Gruppe 637 bereits nach wenigen Stunden, es kommt zu Toten. Watkins versinnbildlicht in den folgenden Ereignissen die Machtausübung des Staates, die Pervertierung von Recht und Ordnung sowie die Ohnmacht der Bürger. Trotz seiner Beispielhaftigkeit und der vielen Subtexte erweist sich Strafpark jedoch auch als ungemein packendes und aufwühlendes Filmerlebnis, weil sich Watkins der Erzählform der Mockumentary bedient und wir das Geschehen durch die subjektive Kamera eines fiktiven britischen Fernsehteams erleben.

Damit bleibt Watkins einem seiner Kernthemen treu. In der Abteilung für Dokumentationen beim BBC groß geworden, kämpft der britische Filmemacher mit seinen Mockumentarys seit jeher gegen den Irrglauben der vermeintlich objektiven Bilder der Massenmedien an. Strafpark wirkt ungemein realistisch und bedient sich der Bildsprache einer Dokumentation. Seine pseudo-objektiven Bilder formulieren eine wirkungsvolle Antithese zur „inszenierten Wahrheit“ des Fernsehens.

Die Reaktionen auf Watkins kontroversen Film fielen verheerend aus. Sowohl etablierte Filmkritiker als auch Filmfestivalbesucher äußerten sich empört. Wegen der negativen Publicity und aus Angst vor Repressalien durch die Regierung wollte kein Verleih den Film in die Kinos bringen, sodass er keine reguläre Auswertung in den Lichtspielhäusern des Landes erhielt. Mehr als dreißig Jahre lang wurde Strafpark nicht im amerikanischen Fernsehen gezeigt.

Peter Watkins zeichnet das Schreckensbild einer diktatorischen Staatsmacht, der weder mit offenem Aufstand noch mit bedachter Logik beizukommen ist. Strafpark ist ein subversives Meisterwerk, das lange nachwirkt und auch heute noch Entrüstung hervorruft. Der Vietnamkrieg mag vorbei sein, angesichts der aktuellen weltweiten Tendenzen zum Nationalismus erscheint Watkins‘ Werk jedoch aktueller denn je.

Handlung:

Aufgrund der prekären gesellschaftlichen Unruhen verhängt der Präsident der Vereinigten Staaten zu Beginn der Siebziger Jahre den Ausnahmezustand und installiert ein Notstandsgesetz, dank dem politische Aktivisten und protestierende Studenten festgenommen und ihrer Bürgerrechte beraubt werden können. Wer von den Sondertribunalen verurteilt wird, erhält eine lange Haftstrafe und bekommt die Möglichkeit, den Punishment Park vorzuziehen. Doch was wie die weitaus bessere Alternative klingt, entpuppt sich als tödliche Hölle…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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