Ring frei für Stoker Thompson ist weit mehr als ein konventioneller Boxfilm. Das Film-Noir-Drama verdichtet seine Geschichte auf das größtmögliche Maß und nutzt dazu einen besonderen Kniff: Der 72 Minuten kurze Klassiker schildert seinen Plot in Echtzeit.

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Filmkritik:

Robert Ryan spielt den Boxer Stoker Thompson, der seinen Zenit schon lange überschritten hat, aber immer noch an ein spätes Karrierehoch glaubt. Sein Manager hat die Hoffnung längst aufgegeben und quetscht die letzten Dollars aus einem Schützling: Er ist überzeugt, dass Thompson den kommenden Kampf verlieren wird, und garantiert dies der Wettmafia, ohne seinen Boxer einzuweihen …

Film Noir bezeichnet kein Genre, sondern eine spezifische Mischung aus Stil und Stimmung, die den Kern eines Werkes durchdringt und so den Schwerpunkt ändert. Neben den obligatorischen Kriminalfilmen nimmt die Schwarze Serie auf diese Weise auch andere Genres in Beschlag: Melodramen wie Solange ein Herz schlägt und Strafsache Thelma Jordon, Western wie Faustrecht der Prärie.

Auch Ring frei für Stoker Thompson belegt die Vielseitigkeit der Strömung: Unter ihrem Einfluss entwickelt er sich vom Sportfilm zum existenziellen Drama. Obwohl keine Femme fatale auftritt und Gangster nur eine untergeordnete Rolle spielen, erweist sich die Arbeit von Robert Wise als typischer Film Noir – eine tiefe Verzweiflung prägt den Film.

Der Boxsport bildet eine treffende Metapher für den auf Gewalt aufgebauten American Dream, dem Ring frei für Stoker Thompson so bodenständig wie möglich nachspürt. Er verwendet einen Großteil seiner Spielzeit auf den Aufbau eines glaubhaften Milieus.

Damit besinnt sich der Klassiker auf den Ursprung des Film Noir, der maßgeblich durch den Poetischen Realismus beeinflusst wurde. Die französische Strömung siedelte ihre Geschichten in der Lebensrealität der „kleinen Leute“ an und übersteigerte alltägliche Probleme zu existenziellen Krisen.

Robert Wise geht ähnlich vor: Ring frei für Stoker Thompson ist auch ohne ausgeklügelte Handlung ein toller Film, weil er es hervorragend versteht, sein Milieu zu beschreiben und dieser kleinen Welt durch einige Zuspitzungen eine große Bedeutung zu verleihen.

Die Rückbesinnung auf die französischen Wurzeln des Film Noir verleiht Ring frei für Stoker Thompson einen deutlichen europäischen Einschlag, der auch im Storytelling zum Ausdruck kommt. Wise erzählt hauptsächlich indirekt: Anstatt die Protagonisten zu charakterisieren, spiegelt er sie durch ihre Umgebung.

Besonders gut kommt das in einer zentralen Sequenz zum Ausdruck, die sich in der Umkleidekabine der Boxhalle abspielt. Hier sitzt Thompson zwischen nervösen Neulingen, routinierten Gewohnheitsverlierern und alten Wracks. Wise gelingt dabei zweierlei: Mit viel Kolorit veranschaulicht er die verschiedenen Stationen eines Boxerlebens und hält uns gleichzeitig die Vergangenheit und die drohende Zukunft des Protagonisten vor Augen.

Am deutlichsten macht sich der europäische Erzählstil in einer Nebenhandlung bemerkbar: Niedergeschlagen von ihrem tristen Leben, begibt sich Thompsons Frau auf einen melancholischen Spaziergang durch das Vergnügungsviertel und wirkt inmitten des Trubels ungeheuer einsam. Ganz intuitiv und nur über Bilder erzählt Ring frei für Stoker Thompson von großen, verborgenen Gefühlen.

Das weckt Erinnerungen an zwei ähnlich gelagerte Szenen aus dem europäischen Kino; in beiden spielt Jeanne Moreau eine Frau, die ihrem Mann nachtrauert. In Michelangelo Antonionis Die Nacht verliert sie sich in einem tristen Vorort von Mailand und in einer berühmten Sequenz von Fahrstuhl zum Schafott irrt sie – unterlegt von der legendären Musik von Miles Davis – durch den Pariser Regen.

Ring frei für Stoker Thompson war die neunte Regiearbeit von Robert Wise, der seine Karriere im Schneideraum begann und sich seine Meriten mit dem Schnitt von Citizen Kane verdiente. Als Regisseur meisterte er alle Genres: Er drehte Kriminal- und Science-Fiction-Filme, Western und Musicals. Der Horrorklassiker Bis das Blut gefriert und das düstere Weltkriegsmelodram Land ohne Männer zählen zu seinen besten Arbeiten.

Die Produzenten schätzen die Flexibilität und die ökonomische Arbeitsweise des Filmemachers, der sich keine künstlerischen Allüren leistete, sondern sich als Handwerker verstand. Dennoch verkamen seine Filme nie zu lieblosen Auftragsproduktionen – weil Wise stets die Erwartungshaltung der Bosse erfüllte, konnte er sich gestalterische Freiheiten erlauben und eine persönliche Handschrift einbringen.

In Ring frei für Stoker Thompson äußert sich das durch einen Verzicht auf Filmmusik und im offensichtlichsten Stilmittel, dem Einsatz von Echtzeit. Der Film fängt den entscheidenden Abend in Stoker Thompsons Karriere von 21:05 Uhr bis 22:16 Uhr ein und zählt damit – ein Jahr nach Cocktail für eine Leiche, drei Jahre vor dem Western Zwölf Uhr mittags – zu den frühsten Werken, die in Echtzeit erzählen.

Diese Methode verkommt nicht zum Selbstzweck, sondern fungiert als narrativer Antrieb: Die Echtzeit erfordert eine Komprimierung des Geschehens, was gleichermaßen für eine verdichtete Stimmung sorgt. Neben der zuvor erwähnten Sequenz in der Umkleidekabine spielt das besonders für den dramaturgischen Höhepunkt des Films eine Rolle – den Boxkampf setzt Wise über die vollen 20 Minuten in Szene.

Hauptdarsteller Robert Ryan brachte reichlich Box-Erfahrung in die Rolle ein: Am Dartmouth College hielt er vier Jahre lang den Schwergewichtsgürtel. Der Gegner von Stoker Thompson wurde vom erfahrenen Boxer Hal Baylor verkörpert. Nach heutigen Maßstäben boxen die beiden Kontrahenten wenig spektakulär, doch die gekonnte Inszenierung wertet den Kampf deutlich auf.

Wises Expertise beim Filmschnitt spielt dabei eine maßgebliche Rolle: Der Regisseur setzte drei Kameras ein, um möglichst viel Material zu produzieren. Im Schneideraum konnten Wise und sein Cutter Roland Gross dem Kampf dann einen mitreißenden Rhythmus verleihen: In für damalige Verhältnisse hoher Frequenz montieren sie eine Menagerie aus Schlägen, Schweiß und Blut.

Zu den Bewunderern dieser Boxszenen zählt Martin Scorsese, der in Wie ein wilder Stier penibel darauf achtete, keine der Einstellungen aus Ring frei für Stoker Thompson zu kopieren.

Bemerkenswert ist auch, wie der Film die Zuschauer am Ring zu einem essenziellen Teil des Kampfes macht. Ein halbes Dutzend von ihnen – allesamt etwas überzeichnet – wird regelmäßig eingeblendet. Ihnen allen ist gemein, dass sie die Brutalität des Kampfes förmlich einsaugen. Damit evoziert der Film, dass Gewalt zum Fundament der amerikanischen Gesellschaft gehört – nicht der sportliche Wettstreit reizt die Zuschauer, sondern der blutige Affekt.

Im Finale entwickelt sich Ring frei für Stoker Thompson vom Sportdrama zum lupenreinen Film Noir: Wo er das Geschehen zuvor noch in einem verdichteten Realismus festhielt, verwandelt er sich nun in ein ausdrucksstarkes Schattengemälde und fährt die Spannung hoch. Erneut überzeugt die Tonebene, die den Lärm des Kampfes gegen Totenstille tauscht.

Das Versprechen dieses Spannungsaufbaus können die letzten Minuten des Films nicht ganz einlösen. Die Schlussszene gibt sich mit der simpelsten Lösung zufrieden und fällt recht knapp aus. Die Wucht von Verliererballaden wie Haie der Großstadt erreicht Ring frei für Stoker Thompson daher nicht.

Dennoch bleiben wir alles andere als unbefriedigt zurück, zumal der Film mit einem schönen Detail endet: Stoker mag ein ewiger Verlierer sein, doch Bill hat schon lange gewonnen.

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