Kein kitschiger Tanzfilm: Nur Samstag Nacht erzählt von der Magie des Eskapismus in den nächtlichen Neonlichtern der Diskotheken, um umso wirkungsvoller die öde Realität abseits der Dancefloors abbilden zu können.

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Filmkritik:

Schon das fantastische Intro spiegelt den grundlegenden Konflikt des Klassikers von John Badham: Der Film startet mit einem Kameraschwenk über die grauen Betonschluchten Brooklyns, doch dann setzt Stayin Alive von den Bee Gees ein und liefert den Takt für ein Paar exzentrische Schuhe, die sich ins Bild schieben und ihren Träger regelrecht über den Asphalt treiben.

Wenn die Kamera den von John Travolta gespielte Tony Manero dann ganz erfasst, erscheint es offensichtlich, dass der junge Mann mit seinen federnden Schritten und den scharfen Klamotten im tristen Brooklyn nichts verloren hat. Tonys tänzelnder Weg mündet in einem Farbgeschäft, in dem er als Verkäufer arbeitet und vergeblich um Vorschüsse bettelt. Gefangen in der Leere des Alltags, lebt Manero nur für den Samstagabend, an dem er mit seinen Freunden zur Diskothek 2001 nach Manhattan fährt.

Hier mutiert er vom Niemand aus der Arbeitergegend zum unangefochtenen König des nächtlichen Neons, wenn er zu den Hits der Bee Gees tanzt wie niemand sonst. An diesem magischen Ort genießt Tony den Respekt der Männer und die Flirtversuche der Frauen, hier ist er wer. Doch der nächste Montagmorgen wartet schon …

Trotz einiger ausgedehnter (und bestechend inszenierter) Discoszenen verkommt Nur Samstag Nacht nie zum Tanzfilm und verweigert sich auch jedwedem Kitsch; die Lichtwelten des 2001 betonen lediglich die Tristesse des Alltags von Tony Manero, der zunehmend verdrossener mit seinem Leben hadert.

Ohne falsche Melodramatik schildert der Film eine ganze Reihe von Konflikten – die oberflächlichen Beziehungen zu Frauen, die Probleme innerhalb der Familie, die Auseinandersetzungen mit Jugendgangs, finanzielle Engpässe und das Leben in einem Milieu, das seine Bewohner stets am Boden hält. Kein Wunder, dass Tony fortwährend davon träumt, über die ständig im Bild befindliche Verrazano Bridge nach Manhattan zu ziehen und sein altes Leben hinter sich zu lassen.

So ambivalent wie die Ausgestaltung des Plots erscheint auch der Protagonist: Nur Samstag Nacht ist nicht daran interessiert, seinen Tony Manero als Helden mit Heiligenschein darzustellen, wie es ähnlich gelagerte Klassiker wie … denn sie wissen nicht, was sie tun mit dem eben nur pseudo-rebellischen James Dean taten.

Tony pflegt eine gewisse Eitelkeit und trägt den Chauvinismus seiner Freunde bedenkenlos mit, hat keine Angst vor Drogen und begeht im Laufe des Films einige folgenschwere Fehler. Doch gerade seine Schwächen lassen ihn als Figur (be)greifbar werden; weil Manero sein Herz am rechten Fleck hat, wirken seine Makel wie Symptome seiner Umgebung, der er zurecht entfliehen will.

Erstaunliche Parallelen ergeben sich zwischen Tony Manero und seinem Darsteller John Travolta. Der Durchbruch gelang Travolta über die Fernsehserie Welcome Back, Kotter und die Stephen King-Adaption Carrie, was ihn jedoch auf oberflächliche Rollen als Schönling abonnierte. Damit spielte sich Travolta im Grunde selbst, denn wie Manero wurde er reduziert und an seiner Selbstverwirklichung gehindert.

Leider teilen die beiden auch eine gemeinsame Tragik: Nicht nur Manero muss den Tod eines Freundes betrauern, auch Travolta traf ein Schicksalsschlag, als seine Lebensgefährtin Diana Hyland während der Dreharbeiten an Krebs starb. Die traurigen Umstände blitzen hinter Travoltas vordergründiger Coolness immer wieder auf und verleihen seiner Darstellung eine unverhoffte Tiefe, die ihm zurecht eine Oscarnominierung einbrachte.

Nur Samstag Nacht mag versöhnlich enden, versagt sich jedoch jeglichem Kitsch und lässt das Schicksal seines Protagonisten offen. Badhams Werk bestätigt damit den Eindruck eines erwachsenen Films, der seine Protagonisten und ihre Probleme ernst nimmt und aufgrund seiner Wahrhaftigkeit auch Jahrzehnte nach der Discoära immer noch etwas zu sagen hat.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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