Das New Hollywood-Drama Der Schwimmer zählt zu den Geheimtipps der Strömung. Anhand einer unkonventionellen Plotidee führt uns der Film durch eine Wohngegend des gehobenen Bürgertums und hinterfragt dessen Wertesystem.

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Filmkritik:

In Der Schwimmer begleiten wir den von Burt Lancaster gespielten Protagonisten Ned Merrill, der an einem strahlenden Sommertag bei Freunden auftaucht, um eine Runde in deren Pool zu schwimmen. Dabei kommt ihm eine absonderliche Idee: Er möchte die vielen Pools der umliegenden Häuser als Etappen nutzen und über diesen Pfad aus Badegelegenheiten „nach Hause schwimmen“.

Der Beginn gibt Anlass, sich im falschen Film zu fühlen. Nichts deutet auf ein Werk aus der New Hollywood-Ära hin, im Gegenteil: In den ersten 30 Minuten mutet Der Schwimmer wie ein Vertreter des klassischen Hollywoodkinos an. Dessen Starsystem wird durch Burt Lancaster versinnbildlicht, der seinem 53-jährigen Körper eine Adonis-Figur abgetrotzt hat und den gesamten Film nur in Badehose absolviert. Die sonnendurchfluteten Bilder und das gehobene Milieu lassen die verlogene Heile-Welt-Atmosphäre der Fünfziger Jahre wieder aufleben.

Doch das ist nur eine Fassade, die nach und nach fällt: Ähnlich wie in Agnès Vardas Glück aus dem Blickwinkel des Mannes erweist sich die Oberfläche des Films als Instrument des Regisseurs, um die verquere Wahrnehmung des Protagonisten zu spiegeln. Dessen Reise von Pool zu Pool klassifiziert Der Schwimmer als typisches Roadmovie, das seinen Protagonisten über die Begegnungen mit vielen Nebenfiguren charakterisiert.

Der Weg nach Hause führt über die Vergangenheit: Fortwährend trifft Lancasters Ned Merrill auf alte Bekannte – alle haben ihn länger nicht gesehen, trotz seiner gut gelaunten, offenen Art reagieren die Menschen verwundert, abweisend oder sogar offen feindselig. Es besteht eine krasse Diskrepanz zwischen dem sichtbaren Geschehen und der vor uns verschlossenen Vergangenheit Merrills, was in vielen Szenen für Suspense sorgt und zur Spurensuche einlädt.

Merrills Reise wandelt sich immer mehr zur Odyssee – die Tragik des Films besteht darin, dass Lancasters Protagonist selbst nicht bemerkt, dass er sich auf einer Irrfahrt befindet. Erst wenn die Sonne dem Gewitter weicht, wenn Merrills erschöpftes Herz zu bersten droht und sein Verstand verzweifelt um den Zugang zur Realität kämpft, gibt sich Der Schwimmer als New Hollywood-Film zu erkennen.

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir bereits, dass die Hauptfigur ein Musterbürger des Establishments war – mit schöner Frau und zwei bald erwachsenen Töchtern, mit Villa, Mitgliedschaft im Country Club und einer erfolgreichen Karriere. Der Schwimmer dechiffriert dieses Ideal der Fünfziger Jahre und damit auch den amerikanischen Traum. Über zahlreiche Andeutungen erfahren wir, dass Ned Merrill trotz seiner Erfolge abgestürzt ist.

Der Film nutzt seine Figur auch als Spiegel für die Gesellschaft, die ihn fallen gelassen hat; nicht aufgrund seiner Makel, sondern aufgrund der Blöße. Merrills Niedergang weckt bei seinen Freunden und Nachbarn das Bewusstsein um die Fragilität des eigenen Status, seine Unzufriedenheit hält ihnen den eigenen Selbstbetrug vor Augen, seine Laster sind die ihren.

Nicht nur die Plot-Idee, auch ihre Ausgestaltung ist absonderlich, denn Der Schwimmer trägt fortwährend zu dick auf: Burt Lancaster spielt die Hauptfigur wie ein aufgeregtes Kind, die Musik legt sich penetrant über die Bilder, die künstliche Inszenierung entsagt jeder Eleganz. Bis auf wenige Ausnahmen (etwa, wenn Merrills Unangepasstheit dargestellt wird, indem er in schier endlosen Zeitlupen über einen Pferde-Parcours hechtet) funktioniert der Film trotz seines Übermutes.

Die nötige Erdung erfährt Der Schwimmer durch die guten Darsteller; die stark gespielten Nebenrollen tragen erheblich zur Emotionalität bei. Auch die Kameraarbeit überzeugt, ihre dynamischen Schwenks und Zooms verdeutlichen den suchenden Charakter des Protagonisten und weist darüber hinaus auf die Verwandtschaft des New Hollywood-Kinos mit der Nouvelle Vague hin. Einige sehenswerte Bildtableaus erinnern an Ölgemälde, was die Unwirklichkeit des Geschehens noch verstärkt.

Aufgrund von diversen Konfrontationen zwischen Regisseur Frank Perry und Burt Lancaster verzögerte sich die im Sommer 1966 begonnene Produktion. Perry verlor den Machtkampf, wurde gefeuert und durch den aufstrebenden Regisseur Sydney Pollack ersetzt. Erst 1968 kam Der Schwimmer in die Kinos und wurde kein großer Erfolg. Inzwischen wirkt der Film etwas altmodisch und gleichzeitig so wunderbar absonderlich, dass sich eine Neuentdeckung lohnt.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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