Wildwechsel

Genre: Drama

 | Strömung: Neuer Deutscher Film

 | Erscheinungsjahr: 1973

 | Jahrzehnt: 1970 - 1979

 | Produktionsland: Deutschland

 

Der für das Fernsehen gedrehte Wildwechsel sorgte seinerzeit für Kontroversen; inzwischen zählt er zu den weniger bekannten Arbeiten Rainer Werner Fassbinders. Der Filmemacher untersucht einmal mehr zwischenmenschliche Machtverhältnisse und setzt sich kritisch mit dem Kleinbürgertum auseinander. Der jungen Eva Mattes gelang mit der Hauptrolle der Durchbruch.

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Filmkritik:

Wildwechsel basiert auf einem Theaterstück von Franz Xaver Kroetz, das wiederum einen Kriminalfall verarbeitete; 1963 sorgten eine 13-Jährige und ihr 19-jähriger Freund mit einem Mord für Aufsehen. Fassbinder nutzt dieses Szenario, um die Gewalttat als Ausbruchsversuch aus dem kleinbürgerlichen Milieu zu beschreiben.

Der in 14 Tagen abgedrehte Film feierte seine Premiere im Fernsehen und sorgte nicht nur durch die Nacktszenen der 18-jährigen Eva Mattes für Diskussionen. Franz Xaver Kroetz war mit der Adaption seines Theaterstücks derart unzufrieden, dass er gerichtlich gegen die geplante Auswertung in den Kinos vorging.

Retrospektiv fügt sich Wildwechsel nahtlos in Fassbinders Filmografie ein. Mit wenigen Pinselstrichen skizziert er eine Kleinbürger-Familie als Stellvertreter einer ganzen Gesellschaft. Er zeigt eine schematische Welt ohne Wärme und Bindung, in der äußere gesellschaftliche Konventionen die freie Entfaltung des Individuums verhindern.

Das Zusammenleben der Menschen ist durch gegenseitiges Unverständnis geprägt, das aufgrund mangelnder kommunikativer Fähigkeiten nie aufgelöst werden kann. Die 14-jährige Protagonistin findet zu keinem Zeitpunkt eine Möglichkeit, mit ihren Eltern zu kommunizieren – hier wird geblockt, geschimpft und abgewunken, jedoch nie zugehört oder reflektiert. So bleibt der Protagonistin kein anderer Ausweg, als ihre Wünsche gegen den äußeren Widerstand durchzusetzen.

Die Tragik von Wildwechsel entsteht nicht einmal durch das Scheitern dieser Bemühungen; vielmehr reift die Erkenntnis, dass die junge Protagonistin durch ihre Sozialisation schon denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegt, aus denen sie ausbrechen will. Ihre Liebe bleibt Behauptung, ihr Akt des Widerstandes ein zielloser Reflex ohne wertegebundenes emotionales Grundgerüst.

★★★★☆☆

Rainer Werner Fassbinder

Rainer Werner Fassbinder zählt zu den wichtigsten deutschen Regisseuren und gilt als Vorreiter des Neuen Deutschen Films. Fassbinder lebte für das Kino und arbeitete ununterbrochen. Obwohl er mit nur 37 Jahren starb, umfasst seine Vita mehr als 40 Spielfilme und zwei TV-Serien. Der Regisseur vereinte seine Vorliebe für Genrefilme und Melodramen mit klugen, oft kritischen Beobachtungen gesellschaftlicher Entwicklungen.

Foto von Rainer Werner Fassbinder
Filmszene aus Faustrecht der Freiheit

Neuer Deutscher Film

Der Neue Deutsche Film grenzte sich vom populären Unterhaltungskino ab. Die Regisseure der Strömung arbeiteten unabhängig von den Studios und drehten als Autorenfilmer Werke mit vornehmlich gesellschaftlichen und politischen Bezügen. Neben der inhaltlichen Neuorientierung suchte der Neue Deutsche Film auch nach anderen Ausdrucksformen und setzte dem konventionellen Kino sowohl poetischere als auch radikalere Bilder entgegen.