Elf Uhr nachts

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Filmkritik:

Elf Uhr nachts, das zehnte Werk im erst fünfjährigen Schaffen von Jean-Luc Godard, markiert das Ende der ersten, von ihm selbst als „romantisch“ bezeichneten Phase seines Outputs. Angefangen bei seinem bemerkenswerten Debüt mit Außer Atem, erarbeitete sich der Franzose eine eigene Filmsprache und befreite seine Werke von den Fesseln der Erzählkinos, löste sich von festen Narrativen und gängigen Inszenierungsregeln. Verhaftet blieb Godard jedoch seiner Liebe für amerikanisches Kino und dessen Genres. Er baute – ähnlich wie einige Jahrzehnte später Quentin Tarantino – dessen Motive und Formeln in seine eigene Art von Kino ein.

In Elf Uhr nachts trieb der umtriebige Autorenfilmer dieses Verfahren auf die Spitze und destillierte gewissermaßen die Essenz seines bisherigen Schaffens in einem Film; eine Art Best-of des Kinos, so wie Godard es versteht. Lose auf einem Kriminalroman basierend, aber mit gewohnt viel Improvisation gedreht, schildert der Regisseur eine Gangsterballade a la Bonnie und Clyde: Der vom modernen Leben gelangweilte Ferdinand und die junge Marianne lassen die Konsumgesellschaft hinter sich und flüchten in die „Freiheit“, kommen dabei jedoch auch mit dem Gesetz in Konflikt.

Doch der vordergründige Plot von Elf Uhr nachts dient Godard lediglich als Aufhänger, um seine typischen Themen verhandeln zu können: Die Bedeutung von Freiheit und die Suche nach ihr, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe, das Wesen unserer kapitalistischen modernen Konsumgesellschaft und letztlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Darüber hinaus nutzt Jean-Luc Godard die Gestaltungsmöglichkeiten dieses episodenhaften Roadmovies, um alle seine Lieblingsgenres zu verbauen – Gesangsszenen folgen auf Slapstick-Schlägereien, abgehobene philosophische Überlegungen auf platte melodramatische Beziehungsstreitigkeiten.

Dadurch entsteht ein seltsamer Kontrast: Einerseits wirkt Elf Uhr nachts hochgradig artifiziell, scheint ausschließlich aus Formeln und Codes zu bestehen und mit seiner referenziellen Ebene zu spielen, doch gleichzeitig verschreibt sich Godard hier auch einem konsequenten Existenzialismus, lässt die rudimentäre Story immer mal wieder links liegen und seine Figuren im Nichtstun versinken.

Die Abkehr von klassischen Erzählformen bedeutet jedoch auch, dass kein ausgeprägter roter Faden oder ein Spannungsbogen den Zuschauer führt und bisweilen der Eindruck entsteht, der Film schlingere führungslos von Szene zu Szene. Gleichzeitig ermöglicht diese Freiheit auch Ideen, die in einem konventionellen Werk nicht funktionieren würden; als Beispiel sei eine Szene vom Anfang des Films genannt, in der die Menschen auf einer Party ausschließlich in Werbebotschaften sprechen, statt echte Unterhaltungen zu führen – ein wunderbarer metaphorischer Seitenhieb auf uns Konsumbürger!

Nicht alle Manierismen von Elf Uhr nachts erweisen sich als derart treffsicher oder wirkungsvoll, doch die Inkohärenz des Films wird durch die abstruse Welt, die Godard zusammen mit seinem Stammkameramann Raoul Coutard mit großartigen Cinemascope-Bildern erschafft, gemildert: Sie erweckt den Eindruck einer Verrücktheit, zwischen der die beiden Hauptfiguren noch am normalsten, am menschlichsten wirken. Dies ist auch ein Verdienst der beiden Lieblingsdarsteller des Franzosen: Jean-Paul Belmondo und Anna Karina gelingt es, zwischen den Genreversatzstücken und Codes den Kern ihrer Figuren zu wahren, statt sich zwischen den Meta-Ebenen zu verlieren.

Überdies bieten die beiden höchst unterschiedlichen Figuren eine Interpretation an, die mir gut gefällt: Es wäre durchaus möglich, dass Belmondos zu Beginn sorgenfreie Figur, in Godards Weltsicht sicherlich veranlasst durch die moderne Gesellschaft, eine dissoziative Persönlichkeitsstörung entwickelt, die sich in Form von Anna Karinas fast schon selbstzerstörerischen Figur manifestiert und ihn aus allem ausbrechen lässt.

Elf Uhr nachts stellt den größtmöglichen Steigerungspunkt von Godards Vorstellung von Kino dar: Sein Werk ist verspielt, prätentiös und sogar ziemlich kindisch, beweist aber auch Godards Glauben an die Magie eines Films. Jedes Bild scheint für die große Kinoleinwand gemacht zu sein. Es erweckt den Anschein, Godard hätte gleich mehrere Filme in diesem verwoben. Müsste man einem Außerirdischen zeigen, was die Menschheit Kino nennt, Elf Uhr nachts böte das perfekte Anschauungsmaterial

Handlung:

Eine langweilige Party ist für Ferdinand der Anlass, sein eingefahrenes Leben an der Seite seiner reichen Ehefrau aufzugeben und mit seiner ehemaligen Geliebten Marianne einen Neubeginn zu wagen. In ihrer Wohnung taucht jedoch eine Leiche auf, mit der sich die kriminelle Vergangenheit Mariannes zurückmeldet. Verfolgt von der Polizei, wagen die beiden eine Flucht durch ganz Frankreich…

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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