Mit dem eigenwilligen Kriminalfilm Der Tod kennt keine Wiederkehr führte Robert Altman den Film Noir ad absurdum. Der Regisseur machte sich ohne jeden Respekt über die Schwarze Serie her, zerlegte die Strömung in seltsame Einzelteile und inspirierte damit die postmodernen Krimis der Neunziger Jahre.

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Filmkritik:

Der Film beginnt mit einem verhängnisvollen Gefallen: Privatdetektiv Philip Marlowe erhält Besuch von seinem Freund Terry Lennox, der ihn nach einem Ehekrach um eine Fahrt zur mexikanischen Grenze bittet. Als Lennox‘ Ehefrau am nächsten Morgen tot aufgefunden wird, steht Marlowe als Komplize eines Mörders dar. Doch der Detektiv glaubt an die Unschuld seines Freundes und startet Ermittlungen.

Der Tod kennt keine Wiederkehr fußt auf Raymond Chandlers hard-boiled Roman The Long Goodbye, dessen Geschichte interessiert Robert Altman aber nur am Rande. Sie stellt lediglich eine lose Basis dar, um mit den Motiven des Film Noir zu brechen.

Altman zählt zu den Pionieren der New Hollywood-Ära. In den Siebziger Jahren dekonstruierte der Autorenfilmer reihenweise die etablierten Genres des amerikanischen Kinos: Mit M.A.S.H. persiflierte Altman 1970 den Kriegsfilm, ein Jahr später entmythisierte er in seinem Meisterwerk McCabe & Mrs. Miller das Westerngenre.

1973 folgte mit Der Tod kennt keine Wiederkehr einer der frühen Neo-Noirs der Kinogeschichte; doch da Altman hier nichts erneuert, erscheint mir „Anti-Noir“ passender. Der Regisseur fährt die Coolness des Film Noir genüsslich an die Wand und vergreift sich sogar an der berühmtesten Figur der Strömung: Philip Marlowe.

Spätestens durch Humphrey Bogarts Darstellung in Tote schlafen fest ging Marlowe als Archetyp des amerikanischen Detektivs in die Popkultur ein. Robert Altman und die legendäre Drehbuchautorin Leigh Brackett (die schon an Hawks‘ Klassiker beteiligt war) wagen einen herben Angriff auf diese Ikone: Sie nehmen Marlowe die Coolness und den Scharfsinn.

Der Tod kennt keine Wiederkehr basiert auf der Idee, den Marlowe der Vierziger Jahre in die Siebziger zu versetzen. Das düstere Los Angeles der Nachkriegsnoirs existiert nicht mehr, die Stadt scheint inzwischen aus den Fugen geraten zu sein. Der Tag hat die Nacht abgelöst, doch das Sonnenlicht bleibt fahl und entblößt die verschrobenen Bewohner der Stadt. Sie alle spielen ihr eigenes Spiel, denn Regeln scheinen nicht mehr zu gelten.

In diesem neuen Los Angeles wirkt Marlowe zwangsläufig wie ein Fremdkörper. Er ist zum eigenbrötlerischen Außenseiter geworden, der nicht einmal mehr die eigene Katze im Griff hat. Wie ein orientierungsloser Schlafwandler trottet der Detektiv durch die Stadt, murmelt ständig vor sich hin und versteht gar nichts mehr.

Damit könnte der neue, von Elliott Gould in vollendeter Lakonie gespielte Marlowe nicht weiter von einem Hollywoodhelden entfernt sein. Obwohl er in jeder Szene zu sehen ist, bleibt der Protagonist eine Randfigur. Meistens steht Marlowe einfach irgendwo herum und hält sich an seinem ewig grüblerischen Gesichtsausdruck fest. Seine Nachforschungen bleiben ziellos, an Informationen gelangt er nur durch Zufall. Folgerichtig erfährt er alles als Letzter.

Diese Art der Ermittlungsarbeit konterkariert Der Tod kennt keine Wiederkehr zusätzlich, indem er die ohnehin schon nicht sonderlich geradlinige Romanvorlage noch weiter abstrahiert. Der Plot zerfasert zu einer Reihe leerer Episoden, die „Handlung“ führt nirgendwo hin. Der Gipfel der Ironie: Obwohl Marlowe wenig tut, lösen sich die offenen Fragen der Geschichte von alleine auf.

Mit dieser verpeilten Variation des Film Noir inspirierte Robert Altman das postmoderne Kino nachhaltig. Sein Marlowe ist der direkte Vorläufer des Dudes aus The Big Lebowski, sein versatzstückartiges Erzählen beeinflusste nicht nur die Gebrüder Coen, sondern auch Paul Thomas Anderson (am deutlichsten in Inherent Vice).

Da die wichtigen Ereignisse des Films abseits von Marlowe ablaufen, spielen die Tugenden des Genrekinos eine untergeordnete Rolle. Der Tod kennt keine Wiederkehr irritiert durch seinen Mangel an Action und Konflikten, Altman verschleppt jeden Anflug von Spannung und erstickt mit der spröden Inszenierung alles Dramatische.

Selbst die Dialoge haben wenig mit den geschliffenen Wortduellen der gehobenen Hollywoodkrimis gemein – sie enthalten keine Informationen und drehen sich nur um sich selbst. Auch auf der visuellen Ebene negiert der Film jedes Flair. Wie schon in McCabe & Mrs. Miller griff Kameramann Vilmos Zsigmond auf geflashtes Filmmaterial zurück, was die Farben stumpf wirken lässt und dem sonst so stimmungsvollen Los Angeles den strahlenden Postkartenlook nimmt.

Mit dem Jazzstück The Long Goodbye kommt zumindest die Tonebene klassischer daher. Allerdings mit einem witzigen Spin, der dann doch wieder jede Ernsthaftigkeit verneint: Es gibt nur diesen einen Song, der immer und immer wieder variiert wird: als Hintergrundgedudel im Supermarkt, im Autoradio und sogar als Mariachi-Version auf einer mexikanischen Beerdigung.

Das in Mexiko spielende Finale setzt einen markanten Schlusspunkt und begräbt die wenigen Reste des Film Noir. Die Schwarze Serie mag auf einer pessimistischen Weltanschauung fußen, besitzt damit aber immerhin ein Wertesystem. Der bittere Schluss von Der Tod kennt keine Wiederkehr gibt den letzten Funken Moral auf und nimmt Marlowe die Unschuld. Damit befördert uns Altman in die entmenschlichte Welt eines Sam Peckinpah, dessen Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia die perfekte Wahl für ein Double Feature abgibt.

Die melancholischen Schlussminuten bestätigen noch mal, wie wenig sich Altman um die Konventionen schert. Der Tod kennt keine Wiederkehr ist kein richtig unterhaltsamer Klassiker; lediglich die guten Darsteller – vor allem der dröhnende Sterling Hayden als hemingwayartiger Schriftsteller – bringen etwas Energie in den Film.

Doch gerade wegen seiner widerspenstigen Eigenheiten gewinnt Altmans Werk einen speziellen Charme. Auch nach fast 50 Jahren ist Der Tod kennt keine Wiederkehr viel zu seltsam, um verstaubt zu wirken – eine besondere Qualität, die immer wieder aufs Neue erlebt werden will.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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