Obwohl oder gerade weil sich Der dritte Mann als britischer Film Noir deutlich von seinen amerikanischen Cousins emanzipiert, zählt Carol Reeds Werk fest zum Kanon der Strömung und begeistert mit famoser Bildgestaltung, dem unkonventionellen Tonfall und einem besonderen Handlungsort.

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Filmkritik:

Das unter den vier Besatzungsmächten aufgeteilte Nachkriegswien verleiht dem Film einmaliges Flair und hebt sich mit seiner barocken Pracht ebenso von den muffigen Großstädten amerikanischer Couleur ab wie mit der Vielzahl an Mundarten, die den Eindruck eines interkulturellen Schmelztiegels erwecken, in dem Schufte aus aller Herren Länder die Wirren des Weltkrieges ausnutzen wollen. Das zerbombte Wien entstammt keinem Studio, sondern bildet die Realität ab: Wie beim aufkommenden Italienischen Neorealismus drehte auch Carol Reed an Originalschauplätzen, was für damalige Verhältnisse äußerst untypisch war.

Reed, der sein handwerkliches Talent zuvor bereits beim britischen Film Noir Ausgestoßen unter Beweis stellen konnte, setzt die österreichische Hauptstadt zusammen mit seinem Kameramann Robert Krasker herausragend in Szene und verleiht Wien einen düster-pittoresken Charme, den Kraskers unzählige schiefe Perspektiven jedoch einschränken. Die Kamera verdeutlicht, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Zeit der Orientierungslosigkeit eingetreten ist. Der Alltag ist noch geprägt von diffuser Verhältnislosigkeit, aus der sich nur langsam eine neue demokratische Gesellschaft herausschält.

Der dritte Mann bevölkert diese Übergangszeit mit allerlei zwielichtigen Figuren und fasst deren Aktivitäten in einen Kriminalplot, der zwar keine großen Überraschungen auffährt, aber geschickt mit seinen Zutaten hantiert. Verantwortlich dafür zeichnet sich der erfahrene Schriftsteller Graham Greene, dessen Storys bereits die Noirs Die Narbenhand, Ministerium der Angst und Brighton Rock unterfütterten. Gekonnt erzeugt Greene mit einem mysteriösen Unfall, der eher wie ein Mordanschlag wirkt, einiges an Suspense. Besonders gelungen wirkt der Mythos des toten Harry Lime, der bei allen Figuren einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat und dessen postmortale Spuren sich noch immer quer durch Wien ziehen.

Der düsteren Gestaltung und der dichten Stimmung zum Trotz generiert Reeds Werk wenig direkte Spannung und treibt die Handlung vor allem über Dialoge voran. Fans des Film Noir amerikanischer Prägung sollten weder den typischen Hard boiled-Gestus noch dramaturgische Tempowechsel erwarten. Der dritte Mann gibt sich bewusst britisch und nutzt sowohl trockenen Humor als auch einen melodramatischen Einschlag. Die berühmte Zithermusik von Anton Karas verleiht dem Film ebenfalls eine deutliche ironische Note, anstatt die Spannung zu fördern. Dieselbe Herangehensweise sorgt auch für einen tollen Antagonisten, der in Amerika als diabolischer Psychopath aufgetreten wäre, hier aber seiner Gräueltaten zum Trotz seltsam verschmitzt und dabei deutlich ambivalenter wirkt.

Diese dissonante Eigenwilligkeit sorgt jedoch auch für Ecken und Kanten, die der simple Plot benötigt. Getragen vom gut aufgelegten Ensemble, aus dem der brillante Orson Welles herausragt, liefert Der dritte Mann eine in jeder Hinsicht gelungene europäische Film Noir-Variation, die verständlicherweise regelmäßig als bester britischer Film aller Zeiten bezeichnet wird.

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DIE ÄRA

Die Vierziger Jahre wurden durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Die pessimistische Weltlage schwappte in die Filmwelt über und sorgte für einen ernsteren Tonfall und düstere Bilder. Gleich zwei Strömungen von Weltruf entstanden in diesem Jahrzehnt: Der Film Noir mit seinen harten Genrefilmen und der Italienische Neorealismus mit seinem Pessimismus.

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Rund zwanzig Jahre lang bereicherte Hollywood die Kinos mit düster gestalteten Kriminalfilmen. Deren heruntergekommende Detektive und abgebrühte Femme Fatales gingen ebenso in die Popkultur ein wie ihr pessimistischer Tonfall. Damit zählt die Schwarze Serie auch abseits seiner zahllosen Klassiker zu den einflussreichsten Strömungen der Filmgeschichte.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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