Mit Miller’s Crossing huldigen die Gebrüder Coen dem Film Noir, ohne auf ihre typische Ironie zu verzichten. Der Gangsterfilm imponiert durch geschliffene Dialoge, eine herausfordernde Narration und einen ambivalenten Tonfall.

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Filmkritik:

Miller’s Crossing spielt in den Dreißiger Jahren und macht eine ungenannte Stadt zum Schauplatz eines Krieges zwischen der italienischen und der irischen Mafia. Der abgebrühte Gangster Tom Reagan hält es eigentlich mit den Iren, gerät aber zwischen die Fronten und versucht die Situation mit diversen Winkelzügen zu entschärfen.

Damit beschwören die Coen-Brüder den Geist von Dashiell Hammett: Dessen hard boiled Romane prägten eine Ära und lieferten prächtiges Material für den Film Noir. Die 1942er-Adaption Der gläserne Schlüssel zählt zu den frühen Höhepunkten der Schwarzen Serie und diente als Inspirationsquelle für den Plot von Miller’s Crossing.

Die Narration erinnert derweil an ein anderes Meisterwerk: Wie in Jean-Pierre Melvilles Gangsterfilm Der Teufel mit der weißen Weste erleben wir das Geschehen nur aus einer Perspektive und damit zwangsläufig lückenhaft. Die fehlenden Puzzleteile verleihen der simplen Handlung erzählerische Komplexität und sorgen für Spannung.

Durch ein verspieltes Detail erhält Melvilles Klassiker eine weitere Würdigung: Dessen Originaltitel Le Doulos bedeutet „Hut“ und „Spitzel“ zugleich; und so machen sich die Coen-Brüder in Miller’s Crossing einen Spaß daraus, der Kopfbedeckung des Protagonisten eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Tom Reagan verliert seinen Hut beim Kartenspiel, bekommt ihn vom Kopf geschlagen, ringt ihn fortwährend in den Händen und träumt sogar von ihm. Der Fedora dient gewissermaßen als Indikator für Reagans Position: Trägt er ihn auf dem Kopf, hat er die Situation unter Kontrolle; Probleme bekommt Reagan hingegen immer dann, wenn sein Hut den angestammten Platz verlässt.

Derartige Fisimatenten zeigen an, dass Miller’s Crossing wenig an großer Ernsthaftigkeit liegt. Im Gegensatz zu den ebenfalls 1990 veröffentlichten Gangsterfilmen von Martin Scorsese (GoodFellas) und Francis Ford Coppola (Der Pate 3) greifen die Coens das Sujet postmodern auf.

Mit präsenter Ironie stellt das Filmemacherduo die Tropen des Genres aus und steuert den Film in humoristisches Fahrwasser; nur die Gewaltszenen und der Zynismus der Figuren verhindern die Einordnung als Komödie und lassen den Witz ins Bittere kippen. Die Mischung aus Humor und Dramatik bekommen die Filmemacher nicht in jeder Szene ausbalanciert, sie erzeugen damit aber einen außerordentlichen Unterhaltungswert.

Miller’s Crossing beschreibt den Krieg der Gangster als absurden Karneval. Passend dazu trägt jeder eine Maske: Die Bosse tarnen sich als Geschäftsmänner, die Huren als Heilige, die Beamten decken ihre Korruption durch blasierte Würde und Tom Reagan hat das Herz am rechten Fleck, täuscht aber durchgehend Unnahbarkeit vor.

Aufgrund des hohen handwerklichen Niveaus bereitet diese Scharade enormen Spaß. Das Drehbuch schwelgt in nuancierten Dialogen, das Produktionsdesign protzt mit hübschen Interieurs und die Darsteller dürfen ihre Rolle expressiv anlegen.

Jon Polito gibt eine herrliche Karikatur eines italienischen Mobsters ab, Albert Finney brilliert als mürrischer Ire und Gabriel Byrne lehnt seinen zerknirschten Tom Reagan an Humphrey Bogart an. In besonderer Erinnerung bleibt das Spiel von John Turturro, der gekonnt zwischen Extremen changiert und damit die unterschiedlichen Pole des Films verkörpert.

Trotz allen Kurzweils schlägt Miller’s Crossing zum Ende hin ernstere Töne an. Ganz in der Tradition der Filme von Melville ziehen begangene Sünden zwangsläufig Kollateralschäden nach sich. In der gelungenen Schlussszene zitieren die Coens einen weiteren Klassiker: Carol Reeds Referenz-Noir Der dritte Mann steht Pate für die letzten, melancholischem Einstellungen.

Reagans einsamer Gang durch die Waldlandschaft verdeutlicht, dass in diesem Gangsterkrieg jeder verloren hat. Immerhin besteht noch ein verhaltener Optimismus: Die überlebenden Protagonisten sind an ihren Verlusten gereift. Und der Hut, der sitzt noch auf Reagans Schopf.

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DIE REGISSEURE

Seit den Achtziger Jahren zählen die Coen-Brüder zu den spannendsten amerikanischen Filmemachern. Ohne ihre Originalität aufzugeben, huldigen sie den Klassikern der Kinogeschichte, die zitiert und postmodern variiert werden. Die Drehbücher der Coens bestechen durch ausgezeichnete Dialoge und tolle Figuren, ein Hang zum schwarzen Humor verleiht ihren Werken eine unkonventionelle Note.

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DAS GENRE

Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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