In Tokio in der Dämmerung zeigt sich Yasujiro Ozu von einer unbekannten Seite: Es handelt sich um die finsterste und wuchtigste Arbeit des Meisterregisseurs. Ozu bleibt seinen stilistischen Grundsätzen treu, setzt allerdings stärker als sonst auf dramatische Effekte und überrascht mit ungewohntem Pessimismus.

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Filmkritik:

Wie gewohnt steht eine Familie im Mittelpunkt von Ozus Interesse, allerdings in einer ungewöhnlichen Konstellation: Tokio in der Dämmerung handelt von einem Vater und seinen beiden erwachsenen Töchtern – die Mutter hatte die Familie vor rund 20 Jahren verlassen.

Der mütterliche Rat fehlt besonders Akiko, der jüngeren der beiden Töchter. Mit ihrem altmodischen Vater kann sie nicht darüber sprechen, dass sie schwanger ist, ohne verheiratet zu sein. Zunehmend verzweifelt sucht Akiko nach ihrem Freund, doch der junge Mann drückt sich vor seiner Verantwortung und taucht unter. Zwangsläufig muss sich Akiko mit den Möglichkeiten einer Abtreibung auseinandersetzen, doch das Geld für den Eingriff hätte sie ohnehin nicht.

Die große Kunst von Yasujiro Ozu besteht darin, die großen Konflikte des Lebens zu verhandeln, ohne sie explizit auszuformulieren. Die Protagonisten des Regisseurs tragen Trauer und Schmerz nicht nach außen, sondern verbergen ihre Gefühle hinter einem höflichen Lächeln. Sie bewältigen ihr Schicksal stumm und finden sich bestenfalls mit Kompromissen ab, die uns Zuschauer regelmäßig melancholisch zurücklassen.

Tokio in der Dämmerung bricht mit diesem Muster: Vorwürfe und Wut verdrängen das Schweigen, eine mögliche Aussöhnung wird ausgeschlagen, Kompromisse erscheinen nicht länger möglich. Die Figuren schultern ihr Schicksal nicht, sie scheitern daran.

Dieser Pessimismus spiegelt sich auch in der Inszenierung wieder, die Ozu ungewohnt offen und im besten Sinne melodramatisch angeht. Tokio in der Dämmerung fährt unerwartete Wendungen auf und setzt bewusst spannende Akzente. Im Verlauf der 140 Minuten steigert sich die Geschichte stetig und mündet in einem wuchtigen Finale, das Figuren wie Zuschauer überwältigt.

Selbst vor Tabuthemen schreckt der Regisseur nicht zurück – das sich ein Film von Ozu in eine Abtreibungsklinik begibt, hätte ich nie für möglich gehalten. Und wenn der Regisseur die nachfolgende Szene mit der Großaufnahme eines spielenden Kleinkindes einleitet, erleben wir eine bislang unbekannte, grimmige Seite des Regisseurs.

Würde uns Ozus typische Kameraarbeit nicht eines Besseren belehren, wäre Tokio in der Dämmerung wohl näher bei Mikio Naruse, dem zweiten Großmeister des japanischen Melodrams, zu verorten. Floating Clouds und When A Woman Ascends The Stairs zählen zu meinen Favoriten, weil Naruse die Makel des Menschseins zur vollen Destruktivität treibt, wo sich Ozu (auf höchstem Niveau) in die Melancholie zurückzieht.

Tokio in der Dämmerung tut es Naruse gleich und beeindruckt nicht nur mit seiner inhaltlichen Kompromisslosigkeit, sondern auch visuell. In seinem letzten Schwarz-Weiß-Film zieht Ozu alle Register: Sein winterliches Tokio erweist sich als trist und unfreundlich, die tiefschwarze Bildgestaltung würde jedem Film Noir zur Ehre gereichen und fährt im Minutentakt museumsreifes Chiaroscuro auf.

Die Unerbittlichkeit, mit der Tokio in der Dämmerung Themen wie die familiäre Entfremdung und das anonyme Großstadtleben beschreibt, ist einzigartig in Ozus Filmografie. Es erscheint folgerichtig, dass der Regisseur sein Spätwerk anschließend mit nachdenklichen Werken wie Ein Herbstnachmittag und liebenswerten Komödien wie Guten Morgen abschloss – eine weitere Steigerung wäre kaum möglich gewesen.

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DER REGISSEUR

Yasujiro Ozu zählt zu den unbestrittenen Meistern der Kinogeschichte und zu den „großen Vier“ der japanischen Regisseure. In seinen feinfühligen Familiendramen sinniert Ozu über die großen Themen des Lebens und setzt dabei auf eine charakteristische Inszenierung: Die unbewegliche Kamera nimmt die Perspektive einer sitzenden Person ein und zieht uns damit automatisch ins Geschehen.

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DAS GENRE

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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