Ein Melodram aus Meisterhand: Mikio Naruses Floating Clouds porträtiert die mehrere Jahre andauernde, konfliktbeladene Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau im demoralisierten Nachkriegsjapan. 2009 wählte die Fachzeitschrift Kinema Jumpō Naruses Werk auf Platz 3 der besten japanischen Filme aller Zeiten.

Copyright

Filmkritik:

Ein später Triumph für den Filmemacher, der hierzulande wohl zu den unbekanntesten der großen japanischen Regisseure zählt – kein einziges Werk erhielt bisher eine deutsche Veröffentlichung. Auch in Japan stand Naruse lange im Schatten von Yasujiro Ozu und Kenji Mizoguchi, weil er aus der Unterschicht stammte und als schweigsamer Eigenbrötler galt.

Seine Filme besaßen weder Ozus markanten Formalismus noch Mizoguchis Eleganz, doch Naruse drehte unbeirrt weiter: 47 Jahre lang wirkte er als Regisseur und häufte ein reichhaltiges Werk aus 88 Filmen an. Inzwischen genießt er eine unangefochtene Reputation als Meister seines Fachs.

Floating Clouds zählt zu seinen besten Arbeiten und beginnt im Winter 1946: Japan liegt nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich wie gesellschaftlich am Boden. Die junge Frau Yukiko reist nach Tokio, um einen Mann zu treffen, mit dem sie während des Krieges eine Affäre hatte.

Das Wiedersehen endet zwiespältig – unzweifelhaft spüren beide die noch immer bestehende gegenseitige Anziehung, doch Yukikos ehemaliger Liebhaber Kengo reagiert abweisend und verweist auf seine Verpflichtung der Ehefrau gegenüber. In den folgenden Monaten und Jahren begegnen sich Yukiko und Kengo immer wieder – sie streiten und küssen sich, verfluchen einander und verzweifeln an diesem übermächtigen Drang, sich trotz aller Widrigkeiten wiedersehen zu wollen.

Floating Clouds beschreibt eine Liebe zur falschen Zeit am falschen Ort. Naruse vermittelt auf brillante Weise ein Gefühl für dieses unsichtbare und doch allgegenwärtige Band, das die beiden Hauptfiguren aneinanderkettet: Sie können nicht voneinander lassen, aber auch nicht miteinander leben. Als großer Humanist beweist Naruse stets Verständnis für die Makel und Fehler seiner Charaktere, zumal der Regisseur herausstellt, welche wichtige Rolle die gesellschaftlichen und materiellen Umstände einnehmen.

Die Lügen und das Fremdgehen des Mannes lassen sich unmittelbar auf den Zusammenbruch des japanischen Kaiserreiches zurückführen: Während des Krieges besaß Kengo Tomioka als Militärbeamter im besetzten Indochina eine gute Stellung mit entsprechender Macht. Durch die japanische Niederlage verliert er nicht nur seine Position, sondern auch sein Einkommen – plötzlich ist er arbeitslos und unbeliebt.

Aus den guten Zeiten bleibt ihm nur noch sein Einfluss bei Frauen: Über diverse Affären versichert er sich seines Wertes, das weibliche Geschlecht stellt seinen letzten Rückzugsort. Auch Yukiko wirkt verloren – die beiden gleichen den titelgebenden Wolken, die von den Einflüssen um sie herum willkürlich über den Himmel getrieben werden.

In Floating Clouds nutzt Naruse eine für sein Schaffen untypische Erzählweise, die zu den größten Stärken des Films zählt. Statt die beiden Leben der Protagonisten zu porträtieren und sie immer mal wieder aufeinandertreffen zu lassen, blendet das Drehbuch beinahe alle Szenen aus, in denen die beiden Liebenden nicht zusammen sind. Damit enthält uns Naruse den „Normalzustand“ der Figuren vor, sein Werk ähnelt einem Episodenfilm, der ausschließlich in emotionalen Ausnahmezuständen stattfindet.

Naruse inszeniert ein Kino der gequälten Blicke und des stillen Leidens. Treffen sie aufeinander, wirken die Streitigkeiten der beiden Liebenden als Katalysator: Zwischen reuevoller Zärtlichkeit und betrogener Abscheu eröffnet uns der Film einen Blick auf das Innenleben der Figuren, ihre aktuelle Lebenssituation und ihre Entwicklung.

Immer wieder treffen Yukiko und Kengo aufeinander; immer weiter entfernen sie sich von den beiden jungen Liebenden, die sie während des Krieges waren. Anhand der Gebäude und der Kleidung dokumentiert der Film, dass die Wunden des geschlagenen Japans langsam verheilen. Selbiges gilt auch die emotionalen Verletzungen der unglücklichen Hauptfiguren, doch ein stets präsenter Urschmerz schwelt unter der Oberfläche weiter und verleiht Floating Clouds eine tiefe Melancholie.

Neben Naruses fantastischer Inszenierung und seinem Gefühl für Timing bleiben vor allem die bravourösen Schauspieler im Gedächtnis. Naruses Stammdarstellerin Hideko Takamine, mit der der Regisseur ganze 17 Mal zusammenarbeitete, bespielt glaubwürdig die ganze Palette menschlicher Seelenzustände, während ihr Konterpart Masayuki Mori gekonnt Kälte und Charisma kombiniert.

Floating Clouds zählt zu den Referenzfilmen seiner Art – das Melodram vereint eine facettenreiche Figurenzeichnung mit einer cleveren Erzählweise, besticht handwerklich und durch seine tollen Darsteller. Zusammen mit dem wenige Jahre später gedrehten When A Woman Ascends The Stairs zählt es zu den Höhepunkten im Schaffen eines Regisseurs, den es zu entdecken lohnt.

0
1-Klick-Suche bei Amazon

DIE ÄRA

In den Fünfziger Jahren befanden sich die weltweiten Studiosysteme auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft. In den Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich versammelten die Studios eine ungeheure Menge an Talent und veröffentlichten dank des geballten Produktionsniveaus zahllose Meisterwerke. Einen gewichtigen Anteil daran ist auch den Regisseuren zuzuschreiben, die sich innerhalb des Systems Freiheiten erkämpften und so ihr Potenzial ausspielen konnten.

Entdecke die Filme der Ära

DIE ÄRA

In den Fünfziger Jahren befanden sich die weltweiten Studiosysteme auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft. In den Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich versammelten die Studios eine ungeheure Menge an Talent und veröffentlichten dank des geballten Produktionsniveaus zahllose Meisterwerke. Einen gewichtigen Anteil daran ist auch den Regisseuren zuzuschreiben, die sich innerhalb des Systems Freiheiten erkämpften und so ihr Potenzial ausspielen konnten.

Entdecke die Filme der Ära

DAS GENRE

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

Entdecke die Filme des Genres

Auch aus diesem Genre:

Auch aus diesem Genre:

Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

ÜBER DIE SEITE

Filmsucht.org

Neu hier?
Die Mission
Toms Geschichte

Entdecke 32 großartige Geheimtipps.

Mit FilmsuchtPLUS.

Abo starten
mehr Infos