Bestie Mensch

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Filmkritik:

Mit Bestie Mensch drehte Jean Renoir eines der essenziellen Werke des Poetischen Realismus und die beste Adaption eines Romans von Emile Zola.

Renoir hält sich nicht sklavisch an die Vorlage, übernimmt jedoch den groben Aufbau und spielt ausschließlich im Milieu von Eisenbahnern. Darin bewegt sich der von Jean Gabin gespielte Lokführer Jacques Lantier, der nur während der Fahrten mit seiner liebevoll Lison getauften Lokomotive zufrieden ist. Die positive Konnotierung der Beziehung Lantiers zu seiner Arbeit gelingt Renoir, weil er tatsächlich auf einer fahrenden Lokomotive drehte, anstatt Rückprojektionen zu nutzen. Die Zugmaschine und die vorbeirasende Landschaft sind genauso echt wie die Handgriffe von Gabin, der für Bestie Mensch die Steuerung des tonnenschweren Ungetüms erlernte.

Doch abseits seiner Lison fühlt sich Gabins Protagonist weniger wohl. Lantier führt ein einfaches Leben ohne Sorgen und versteht sich gut mit seinen Kollegen, doch in ihm drin, da arbeitet etwas, setzt ihm zu und sorgt manchmal sogar für mörderische Impulse, denen Lantier sich nur schwer entziehen kann. Als der Lokführer dann auch noch in eine Mordgeschichte hineingezogen wird und sich Hals über Kopf verliebt, droht er endgültig, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Drei Jahre vor den ersten amerikanischen Film Noirs erschienen, nimmt Bestie Mensch zahlreiche Motive der Strömung vorweg: Die düstere Zeichnung des Milieus, die Femme fatale und einen ausgeprägten Fatalismus, der den Protagonisten keine Chance lässt.

Doch obwohl Renoir ein ungemein dramatisches Krimidrama vorlegt, ereignen sich die Sünden des Films – unehelicher Sex und Mord – stets abseits der Kamera; wichtiger sind dem französischen Auteur die Momente davor und danach. Die nuancierte Figurenzeichnung verweigert sich simpler Typbeschreibungen und findet für jeden Protagonisten einen glaubhaften Antrieb.  Zolas Roman führt die Trunksucht von Lantiers Ahnen als Einfluss auf dessen psychische Probleme an, doch in Renoirs Verfilmung stellt dies nur einen Faktor von vielen dar. Hinter dem Tun der Figuren steckt eine unsichtbare Verzweiflung, die nicht aus einem konkret Grund hergeleitet werden kann, sondern aus dem Nirgendwo kommt. Renoir lädt uns Zuschauer ein, diesen blinden Fleck zu ergründen.

Dementsprechend wirkt Renoirs Werk, als hätte Ingmar Bergman einen Film Noir gedreht. Bestie Mensch ist ein ungeheuer pessimistischer Film, dessen Tristesse Renoirs bedrückende Inszenierung noch intensiviert. Doch wo bleibt Renoirs sonst so präsenter Humanismus? Ich sehe den Film als Worst-Case-Szenario und denke, dass gerade die Absenz von Renoirs Humanismus dessen Bedeutung betont. Indem der Regisseur eine beklemmend Welt ohne Hoffnung entwirft, beweist er die Wichtigkeit von Empathie und Nächstenliebe.

Sicherlich auch aufgrund der psychologisch geprägten Anlage des Films liefert Jean Gabin in seiner dritten Zusammenarbeit mit Jean Renoir (zuvor: Nachtasyl und Die große Illusion) eine der besten Leistungen seiner langen Karriere ab. Davon abgesehen beeindruckt Bestie Mensch inhaltlich wie visuell. Renoirs imposantes Werk nimmt die düstere Stimmung des Lebens in einem Europa vorweg, das wenige Monate nach der Filmpremiere in den Wogen des Zweiten Weltkriegs versank.

Handlung:

Der an Depressionen und Anfällen leidende Lokführer Jacques Lantier wird Zeuge eines Mordes durch Bahnhofsvorsteher Roubaud. Da er sich unsterblich in dessen Ehefrau Sévérine verliebt hat, schweigt er über den Vorfall und setzt damit Ereignisse in Gang, die keiner der Beteiligten mehr aufhalten kann …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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