Filmkritik:

Der Schwarz-Weiß-Western Faustrecht der Prärie von Genre-Spezialist John Ford besticht durch eine an den Film Noir erinnernde Bildgestaltung und einen ungewöhnlichen Tonfall. Zu den berühmtesten Vertretern der frühen Periode des Genres zählt Fords Werk vor allem, weil er einen der größten Mythen des Wilden Westens in Szene setzt.

Die weltbekannte Schießerei am O.K. Corral hat den Lauf der amerikanischen Geschichte ebenso wenig geändert wie ihre Protagonisten Wyatt Earp und Doc Holliday. Doch weil sich Earp auf geschicktes Marketing verstand und einen Autor für seine Lebensgeschichte engagierte, sicherte sich der streitbare Revolverheld eine bis heute andauernde Popularität. 1931 erschien die verherrlichende Biographie Wyatt Earp, Frontier Marshal, auf der Faustrecht der Prärie lose beruht.

Der Film fabuliert vordergründig eine Rachegeschichte: Nachdem Unbekannte nahe der Stadt Tombstone das Vieh der vier Earp-Brüder gestohlen und einen von ihnen erschossen haben, lassen sich die drei verbliebenden Männer in Tombstone nieder. Wyatt nimmt den Posten als Sheriff an, um den Mord aufzuklären, und trifft dabei auch auf den tuberkolosen Lebemann Doc Holliday.

Bevor deren Zusammenarbeit zur finalen Auseinandersetzung am O.K. Corral führt, widmet sich John Ford jedoch erst einmal seinem Handlungsort und liebäugelt dabei mit der Ästhetik des damals zunehmend populärer werdenden Film Noir. So wie die Detektive in den Kriminalfilmen der Vierziger Jahre durch die nächtlichen Kneipen San Franciscos streifen, bewegt sich Wyatt Earp durch die Saloons von Tombstone, das sich als urbaner Großstadtschauplatz entpuppt. Die harten Kontraste und die niedrige Kameraführung verstärken den Eindruck eines Film Noirs und liefern ansehnliche Bilder. Vor allem die Szenen in Innenräumen gleichen durch die hohe Tiefenschärfe einem lebendigen Fresko und setzen das raue Gewimmel der Stadt atmosphärisch in Szene.

Abseits seiner praktischen Funktion als Kulisse besitzt die Stadt Tombstone in Faustrecht der Prärie auch einen symbolischen Wert. Im Osten entwickelte sich eine zivilisierte, moderne Gesellschaft, während das sprichwörtlich im Wilden Westen gelegene Tombstone noch zum rauen Grenzland gehörte, wo im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren galt.

Diese Dualität der Vereinigten Staaten am Wendepunkt stellt den im Vergleich zur Handlung deutlich interessanteren Subtext des Films dar. Ford akzentuiert diesen Gegensatz in unzähligen Elementen. Die noiresken Nachtszenen mit ihren sündigen Lokalen, leichten Mädchen und Verbrechen stehen für die rohe Seite des Wilden Westens, während die Szenen bei Tageslicht bedächtig inszeniert sind und von Wärme und dem Hall der Kirchenglocken dominiert werden.

Die Gegensätze bilden sich auch in der Figurenanlage heraus – der notorische Glücksspieler Doc Holliday, ein Alkoholiker und Tunichtgut mit Hang zur Amoral vertritt den Wilden Westen, Wyatt Earp als gesitteter Gentleman mit klarem Wertesystem steht für den zivilisierten Osten. In Tombstone treffen Vergangenheit und Zukunft der Vereinigten Staaten nun aufeinander.

Obwohl John Fords Kanon die Blaupause für patriotische amerikanische Filme darstellt, hält sich der Regisseur in Faustrecht der Prärie trotz des Symbolgehalts und der populären Protagonisten zurück. Zwar huldigt er den Mythen, verdeutlicht dabei jedoch auch, dass sich große Ereignisse eigentlich im Kleinen abspielen und erst danach eine abstrakte Dimension entwickeln. Der von Henry Fonda mustergültig gespielte Wyatt Earp verkommt hier mitnichten zum hart gesottenen Gesetzeshüter, als der sich der Original-Earp so gerne stilisiert hatte. Stattdessen inszeniert ihn Ford als lakonischen, zurückhaltenden Mann, der es nicht nötig hat, seine Stärke ständig zu beweisen. Ohne den impulsiven Doc Holliday, den Victor Mature mit herausragender Präsenz verkörpert, bliebe Faustrecht der Prärie beinahe eine stille Gesellschaftsstudie.

Statt beständig auf die Auflösung der Geschichte und die überlebensgroßen Momente hinzuarbeiten, entwickelt Ford einen in sich gekehrten Western, der mehr Liebeskonflikte zwischen Männern und Frauen beinhaltet als Schusswechsel. Erst im Finale bekennt sich Faustrecht der Prärie zu den Genrestandards und seiner literarischen Vorlage und baut erstmals Spannung auf. Die Schießerei am O.K. Corral verläuft ohne musikalische Untermalung und stärkt dadurch den realistischen Ansatz des Films.

Aufgrund der ungewöhnliche Erzählstrategie und der unprätentiösen Auseinandersetzung mit einem der größten Mythen des Wilden Westens zählt Faustrecht der Prärie zu den ersten „erwachsenen“ Western der Kinogeschichte. Dramaturgisch geht das Konzept nicht ganz auf, der interessante Subtext und die visuelle Stärke überzeugen hingegen.

Handlung:

Als die vier Earp-Brüder ihr Vieh in der Nähe von Tombstone vorbei treiben, stehlen Unbekannte die Rinder und erschießen James Earp. Die verbliebenen Brüder um den legendären Revolvermann Wyatt Earp schwören Rache und nehmen das Angebot der Stadt an, als Sheriffs für Recht und Ordnung zu sorgen, um nebenbei den Mord aufklären zu können. Bevor es zum legendären Showdown am O.K. Corral kommt, lernt Wyatt Earp jedoch noch die Lehrerin Clementine und den ständig betrunkenen Spieler Doc Holliday kennen …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.