Schwarzer Kies

Ein Film von Helmut Käutner

Genre: Drama

 

 | Erscheinungsjahr: 1961

 | Jahrzehnt: 1960 - 1969

 | Produktionsland: Deutschland

 

Schwarzer Kies war von Anfang an als Kampfansage geplant: Regisseur Helmut Käutner hatte sich vorgenommen, „alle deutschen Tabus zu durchstoßen“ und drehte ein Melodram nach Art des Film Noir, das die schmutzigen Seiten der Nachkriegs-BRD ins Visier nimmt und in alten Wunden stochert.

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Filmkritik:

Die Magie des Kinos entsteht zu einem guten Teil aus Geschichten wundersamer Unwahrscheinlichkeiten. Man denke nur an Casablanca, wo Bogarts Rick Blaine noch am Ende der Welt von seiner großen Liebe heimgesucht wird und das unmögliche Wiedersehen auf den Punkt bringt: „Of all the gin joints, in all the towns, in all the world, she walks into mine.“

Schwarzer Kies baut seine Geschichte ähnlich magisch auf. Das Ende der Welt liegt dieses Mal im Hunsrück, die Protagonisten heißen hier Robert und Inge. Nach einem traumhaften Vorkriegssommer war sie ohne Abschied verschwunden; nun ist der Krieg vorüber und die beiden treffen in einem Allerweltsmoment wieder aufeinander.

Beide können diese Begegnung nicht gebrauchen: Inge ist inzwischen verheiratet, Robert hat mit seinen Schiebergeschäften genug um die Ohren. Doch was kümmert das die alte Anziehung, die sofort wieder zu wirken beginnt? Schwarzer Kies hilft weiter nach: Ein tödliches Unglück zwingt Inge und Robert in eine Schicksalsgemeinschaft, für deren Druck sie nicht bereit sind.

Rick Blaine und Ilsa Lund hatten zumindest das Glück, einen Propagandafilm zu bewohnen; im utopischen Casablanca stellen die Figuren persönliche Interessen und Gefühle hinten an, um ihren Idealen und der Sache zu dienen. In Schwarzer Kies ist die Moral hingegen schon lange auf der Strecke geblieben, denn Käutner verlegt den Film in ein dystopisches Miniatur-Westdeutschland.

Der Schauplatz, das Dorf Sohnen im Hunsrück, dient als Anhängsel einer nahe gelegenen amerikanischen Militärbasis; statt Ricks idealistischem Barbetrieb steht hier das Atlantic, ein Tanzlokal mit billigem Bier und vermietbaren Hinterzimmern. Drum herum kahle Winterwälder, oben drüber ein bleierner Himmel voller Düsenjägergedröhn.

Freiwillig lebt hier keiner; die GIs langweilen sich mit der Attitüde einer Siegermacht, die Deutschen verdingen sich als Knechte, Schieber und Prostituierte, die den Besatzern so viele Dollars wie möglich aus der Tasche ziehen, um dann möglichst weit weg neu anzufangen. Die Bewohner, gefangen zwischen alten Sünden und verstellter Zukunft, haben sich zu moralisch und emotional abgestumpften Opportunisten entwickelt.

Schwarzer Kies nimmt sich die hässlichen Seiten des Wirtschaftswunders vor und zerlegt dessen Idealbild von tüchtiger Arbeit und guten Löhnen – geschuftet wird hier nur auf dem Rücken oder unter der Hand, und immer auf die Schnelle. Doch die schnelle Mark funktioniert nur ohne Anstand, also bekommt alles ein Preisschild, von kleinen Freundschaftsdiensten bis zur Liebe.

Auf den ersten Blick passt diese abgeschmackte, gallenbittere Welt gar nicht in die Filmografie von Helmut Käutner, der neben Wolfgang Staudte zu den führenden Regisseuren des deutschen Nachkriegskinos zählt. Während sich Staudte seine Lorbeeren mit politischen, unbequemen Werken verdiente, zeichnen sich Käutners bekannteste Arbeiten Große Freiheit Nr. 7 und Unter den Brücken durch eine poetische Stimmung aus. Dabei fällt oft unter den Tisch, dass es im Schaffen des Regisseurs auch eine düstere Seite gibt.

Gerade wenn Käutner seine Poesie in der Finsternis entfaltet (und dabei den Poetischen Realismus streift), läuft der Regisseur zur Hochform auf. Davon zeugen der sehenswerte Trümmerfilm In jenen Tagen, in dem er ein Auto durch 12 Jahre Nazi-Regime begleitet, eine Reihe unnachgiebiger Melodramen wie Romanze in Moll sowie Des Teufels General, der den Untergang des Nationalsozialismus aus der Sicht eines desillusionierten Luftwaffenoffiziers schildert.

Die Endzeitstimmung aus Letzterem findet sich auch in Schwarzer Kies wieder, der zu Käutners Spätwerk gehört und nur noch Spurenelemente seiner typischen Poesie beinhaltet. Stattdessen verschreibt sich der Regisseur der Kompromisslosigkeit des Film Noir: Die ansehnliche Schwarz-Weiß-Fotografie erinnert ebenso wie die fokussierte Milieuzeichnung und die hard boiled-Attitüde der Figuren an die Schwarze Serie.

Zudem wird die Erzählung durch einen fatalistischen Tonfall geprägt, der uns stetig daran erinnert, dass die Figuren dieser hoffnungslosen Gegenwart ein Produkt der Vergangenheit sind – Artefakte, die in Schwarzer Kies regelmäßig vorkommen. Sie treten in unterschiedlichster Form auf: Als Marschmusik der Nazis in der Jukebox des Atlantic, als tätowierte Nummer auf dem Arm des Lokalbesitzers, besonders aber als latente Ressentiments gegen alles und jeden – die Amerikaner und ihren Way of Life, gegen die Nazis ebenso wie gegen Juden, die Sittenlosen und die Spießbürger, die Ehrlichen und die Kriminellen.

Käutner nutzt das Dorf als Petrischale für die gesellschaftlichen Schattenseiten der BRD und spürt dabei den ökonomischen und emotionalen Machtgefällen nach – er zeigt einen einzigen großen Reigen des Ausbeutens und sich Korrumpierenlassens. 1961 riss Käutner damit alte Wunden auf: Er überführt die vermeintlich ausgemerzte Geisteshaltung der NS-Ära in die aktuelle Zeit und beschmutzt das blühende Wirtschaftswunderland.

Bei Kritik und Publikum kamen die unbequemen Einsichten weniger gut an; es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis derartige Motive – besonders in den Filmen Rainer Werner Fassbinders – diskursfähig wurden. Stattdessen erhob der Zentralrat der Juden einen aus heutiger Sicht abwegigen Antisemitismusvorwurf, sodass der Film in der Versenkung verschwand, anstatt im öffentlichen Bewusstsein zum renommierten Klassiker zu reifen. Ein Makel, der behoben gehört, denn Schwarzer Kies ist ein bestechendes Werk.

★★★★★☆

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