Hafen im Nebel zählt zu den Meisterwerken des französischen Vorkriegskinos. Der Film von Marcel Carné stellt ein Musterbeispiel für die Qualitäten des Poetischen Realismus dar und eignet sich hervorragend zum Einstieg in die Strömung. Carnés Werk schildert den Kampf des Einzelnen gegen erdrückende äußere Einflüsse und glänzt durch einen ausgeprägten Fatalismus.

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Filmkritik:

Der Film handelt vom herumstreunenden Jean, der aus der Armee desertiert ist und per Anhalter in die Hafenstadt Le Havre fährt. Wir werden nie erfahren, was er dort wollte, denn eine Begegnung mit der jungen Nelly verändert alles – der schroffe, pessimistische Jean verliebt sich und findet neuen Lebensmut. Doch die Umstände bedrohen das zarte Glück: Die offiziellen Stellen suchen immer noch nach Jean, der sich überdies mit einem Gangster anlegt; gleichzeitig kämpft Nelly nach dem Tod ihrer Eltern mit dem Klammergriff ihres Vormunds.

Hafen im Nebel verhandelt archetypische Themen des Poetischen Realismus – die individuelle Suche nach Glück, den Widerstand gegen ein übermächtiges Schicksal -, doch nur wenigen Werken der Strömung gelingt es, Hoffnung und Melancholie derart feinmaschig zu verweben. Die pessimistische Stimmung durchdringt alles Handeln der Figuren und nimmt damit unter anderem den Film Noir vorweg. Wie in der Schwarzen Serie herrscht eine Sehnsucht nach fernem Glück. Doch wer davon kostet, bezahlt immer einen Preis.

Besonders die schwarz-weißen Trübsinnsbilder bleiben in Erinnerung. Sie gehen zurück auf eine Kollaboration fähigster Filmschaffender: Neben Regisseur Marcel Carné und dem berühmten Kameramann Eugen Schüfftan (u.a. an den Stummfilmepen Metropolis und Napoleon beteiligt) ist vor allem der Produktionsdesigner Alexandre Trauner zu nennen. Zusammen drehte das Trio sieben Werke, ihr Zusammenspiel verleiht Hafen im Nebel sein besonderes Flair.

Der Film spielt zwar im Milieu der Hafenarbeiter von Le Havre, destilliert daraus jedoch eine Essenz – statt „realistischer“ Bilder nutzt Hafen im Nebel fantastische Tableaus voll grauem Nebel und schwarzer Schatten. Trauners vom Expressionismus beeinflusste Kulissen und Schüfftans Kamera etablieren eine malerisch übersteigerte Welt, in der Prévert einzigartige Figuren ansiedelt.

Auch die Charaktere wirken nicht „echt“, sie alle entpuppen sich als verschrobene, geknickte, niedergedrückte Gestalten voller Makel und dicht am Klischee. Doch egal ob der Film betrunkene Clochards, lebensmüde Selbstmörder, weinerliche Gangster oder außerehelichen Sex porträtiert – er brandmarkt seine Protagonisten nicht, sondern gesteht ihnen ihre Selbstbestimmung mit unbedingter Offenheit zu; eine zu dieser Zeit alles andere als selbstverständliche Attitüde.

Dahinter verbirgt sich eine im besten Sinne melodramatische Romantik, die die vorzüglichen Schauspieler noch steigern. Wie Hauptdarsteller Jean Gabin mürrisch und jähzornig durch die erste Hälfte des Films stapft und uns später die Risse in seiner harten Schale entdecken lässt, ist ganz groß. Auch die Nebendarsteller können sich sehen lassen: Michel Simon in einer typischen und Michèle Morgan in ihrer ersten Rolle sowie Pierre Brasseur, der seinen großen Auftritt einige Jahre später in Carnés Meisterwerk Kinder des Olymp haben sollte.

Mit anderen herausragenden Filmen dieser Periode, wie Jean Renoirs Bestie Mensch, teilt sich Hafen im Nebel einen Hang zur Schwermut, der zunächst etwas forciert wirken mag. Doch gerade durch die Tragik und die Trübsinnsbilder erzeugt Carnés Werk seine effektvollen Kontraste: Wenn die Protagonisten einige wenige glückliche Stunden miteinander verbringen, dann verspüren auch wir die überwältigende Kraft wahrhaftiger Menschlichkeit und erkennen, dass wir – ungeachtet aller Umstände – leben, wenn wir lieben.

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DER REGISSEUR

Marcel Carné drehte einige der besten Werke des Poetischen Realismus und schrieb sich so binnen weniger Jahre in die Filmgeschichte ein. Der Regisseur verstand es hervorragend, Emotionen zu verdichten und magische Momente zu kreiern. Zusammen mit dem begnadeten Autor Jacques Prévert schuf Carné einige der berührendsten Filme der Ära vor dem Zweiten Weltkrieg.

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DER REGISSEUR

Marcel Carné drehte einige der besten Werke des Poetischen Realismus und schrieb sich so binnen weniger Jahre in die Filmgeschichte ein. Der Regisseur verstand es hervorragend, Emotionen zu verdichten und magische Momente zu kreiern. Zusammen mit dem begnadeten Autor Jacques Prévert schuf Carné einige der berührendsten Filme der Ära vor dem Zweiten Weltkrieg.

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DIE STRÖMUNG

Beim Poetischen Realismus gehen Magie und Melancholie Hand in Hand. Geprägt durch die französische Wirtschaftskrise der Dreißiger Jahre, porträtiert die Strömung Menschen aus einfachen Verhältnissen und richtet sein Augenmerk auf ihre Milieus. Oft kämpfen die Protagonisten des Poetischen Realismus um ihr persönliches Glück und scheitern dabei an den Umständen oder dem Schicksal.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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