Mit Sympathy for Mr. Vengeance bestätigte der junge Park Chan-Wook seinen Ruf als großes Regietalent. Das grimmige Drama bildet den ersten Teil seiner Rache-Trilogie, unterläuft Konventionen und stürzt seine Figuren in eine tragische Abwärtsspirale voller Gewalt.

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Filmkritik:

Das Schicksal meint es nicht gut mit den Protagonisten von Sympathy for Mr. Vengeance: Der taubstumme Ryu sucht dringend eine Niere für seine kranke Schwester und wird von Organhändlern um sein Geld betrogen. Verzweifelt entführt er die Tochter des Geschäftsmannes Dong-jin, doch dann geht alles schief. Zurück bleiben zwei verbitterte Männer, die Rache schwören: Ryu begibt sich auf die Suche nach den Organhändlern und wird seinerseits von Dong-jin verfolgt.

Mit seinem dritten Film Joint Security Area gelang Park Chan-wook der Durchbruch, das kreative Drama stellte in Korea sogar einen neuen Zuschauerrekord auf. Folglich hatte Park für sein nächstes Projekt freie Hand und nutzte die Gelegenheit für die Umsetzung eines unkonventionellen Drehbuchs, das zuvor mehrfach abgelehnt worden war.

Park experimentiert erneut mit Erzählstrukturen und baut Sympathy for Mr. Vengeance unorthodox auf. Der erste Akt stellt uns Ryu vor und endet mit einem dramatischen Höhepunkt, doch danach folgt kein zweiter, sondern ein weiterer erster Akt – mitten im Film führt Park die zweite Hauptfigur ein und nimmt sich Zeit für dessen Werdegang. Nach diesen zwei Expositionen bringt er die beiden Antihelden im Finale zusammen.

Die antiklimatische Dramaturgie fühlt sich spürbar anders an, funktioniert aber ausgezeichnet. Der Film transportiert seine Spannung nicht in Form einer stetig steigenden Kurve, sondern wellenförmig. Er spitzt seine Ereignisse also nicht ständig zu, sondern breitet sie ordnend vor uns aus und betont damit die Unausweichlichkeit des Geschehens.

In seiner Regie greift Park die dramaturgische Wellenbewegung wieder auf und etabliert über eine zurückhaltende Bildsprache einen nahezu autistischen Tonfall: Egal, ob er uns eine Alltagsszene oder einen blutigen Mord zeigt – die Inszenierung bleibt gleichmäßig und ruhig. Die Kamera nimmt eine dokumentierende statt einer erzählenden Position ein, Dialoge werden sparsam eingesetzt und eine musikalische Untermalung bleibt fast völlig außen vor.

Zudem arbeitet der Film mit narrativen Brüchen: Er hält die Szenen kurz und schneidet sie grob aneinander. Diese Fragmentierung betont, wie sehr die Protagonisten Gefangene von Ursache und Wirkung sind. Sie versuchen stets ihr Bestes und geraten durch gegenseitige Beeinflussung in einen Sog, der sie ins Verderben zieht. Dieses unausweichlich scheinende Kausalitätsprinzip verleiht der Geschichte ihre Tragik.

Der Weg in den Abgrund hat es in sich: Teppichmesser und Baseballschläger verunstalten die Körper, Achillessehnen werden zerschnitten und Stromstöße durch wehrlose Körper gejagt. Dennoch verkommt Sympathy for Mr. Vengeance nie zur stumpfen Gewaltorgie – im Gegensatz zu so vielen fragwürdigen Rachethrillern nimmt Park der Action jeden Spaßfaktor. Er inszeniert die Gewalt blutig, aber nüchtern. Sie ist nie cool – sie anzusehen, tut weh.

Der Umgang mit der Moral der Selbstjustiz spielt in dieses Empfinden hinein, denn im Gegensatz zu reaktionären Reißern wie Ein Mann sieht rot verweigert uns Park die Genugtuung einer erfolgreichen Rache. Zu Beginn der zweiten Filmhälfte steht bereits fest, dass das Leben der beiden Männer in Trümmern liegt und es eine Vendetta keine Katharsis ermöglicht.

Außerdem löst der Film das Versprechen seines Titels ein: Angesichts der unglücklichen Verwicklungen der Geschichte begegnen wir beiden Antihelden mit Sympathie, weil sie Opfer der Umstände sind. Doch das stürzt uns in ein Dilemma, wenn die zweite Filmhälfte einen tödlichen Konflikt der beiden aufbaut: Egal wie es ausgeht, wir Zuschauer verlieren. Damit hält uns Sympathy for Mr. Vengeance die Destruktivität der Rache vor Augen und verweigert nicht nur den Figuren, sondern auch uns einen erlösenden Ausweg.

Als Gegengewicht zu all dem Grimm und Gram versetzt Park sein Drama immer mal wieder mit schwarzem Humor. Doch obwohl der Regisseur ihn sparsam dosiert, geht die Idee nicht auf – statt zu amüsieren, irritieren die witzigen Einschübe eher. Sie fügen sich schlecht ein und sorgen für Misstöne in diesem sonst so durchdachten Werk.

Dennoch avancierte Parks vierte Arbeit zum Erfolg und bereitete Oldboy und Lady Vengeance, den anderen beiden Teilen der Rache-Trilogie, den Grund. Oldboy mag mit seiner waghalsigen, effektvollen Regie den größten Bekanntheitsgrad erreicht haben, doch retrospektiv erscheint Sympathy for Mr. Vengeance deutlich ausgewogener und reifer, zählt zu den besten Arbeiten des koreanischen Regisseurs.

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