1927 drehte der französische Regisseur Abel Gance Napoleon und wagte sich damit an eines der aufwendigsten Projekte der Filmgeschichte. Sein fünfeinhalbstündiges Stummfilmepos sollte lediglich den Auftakt einer nicht weniger als sechs Filme umfassenden Reihe über das Leben des berühmten Generals und Kaisers bilden.

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Filmkritik:

Ähnlich wie Stanley Kubrick, der seine lang gehegten Pläne eines Werks über Napoleon ad acta legen musste und uns dafür immerhin sein Meisterwerk Barry Lyndon schenkte, erging es auch Gance, der seine mutmaßlich 30-stündige Filmreihe aufgrund von – wen wundert es – Budgetproblemen nicht fertigstellen konnte. Es blieb beim ersten Teil, der trotz seiner imposanten Laufzeit lediglich die ersten dreißig Lebensjahre Napoleons nachzeichnet.

Sein Können stellte Gance zuvor bereits durch anerkannte Stummfilmklassiker wie Ich klage an und Das Rad zur Schau; dabei bewies der Franzose eine Vorliebe für die großen Themen sowie den Willen, den technischen Fortschritt des noch jungen Mediums Film voranzutreiben; diese Kombination war wohl nur noch beim amerikanischen Visionär D.W. Griffith zu finden und macht auch Napoleon zu einem spannenden Werk.

Gekonnt setzt Gance bestehende Standards der damaligen Zeit ein und gestaltet Napoleon durch einige rasant geschnittene Sequenzen, sehenswerte Doppelbelichtungseffekte und eine gelungene Viragierung. Doch insbesondere mit der ungewöhnlich mobilen Kameraführung betrat Gance technisches und inszenatorisches Neuland, deren Mehrwert sich deutlich bemerkbar macht. Zu besonderer Berühmtheit brachte es eine andere Idee: Für wichtige Momente ließ Gance drei Kameras nebeneinander aufstellen und erzeugte dadurch mehrere Jahrzehnte vor der Breitwandfotografie ein extrem breites Bild im Verhältnis 4:1, was die Massenszenen noch epischer wirken lässt und eine überhöhte Darstellung Napoleons ermöglicht.

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Napoleon Bonaparte erreicht hingegen nicht die Komplexität der technischen Darbietung und geht recht unkritisch mit den politischen Tendenzen der damaligen Zeit um. Dass der Film sich weniger mit historischen Details beschäftigt, sondern einem subjektiven Ansatz frönt, gibt schon der Originaltitel Napoléon vu par Abel Gance – „Napoleon, wie Abel Gance ihn sieht“ – offen aus. Im Folgenden neigt Gance dann auch zur Glorifizierung seines Protagonisten, obwohl Bonaparte seinen Einfluss auf die Weltgeschichte im gezeigten Lebensabschnitt noch gar nicht zeigen kann.

Wie so viele Werke mit einer derart kolossalen Spielzeit gelingt es auch Napoleon nicht, dramaturgisch konsistent zu bleiben. Zu lange hält sich Gance mit unwesentlichen Szenen auf, insbesondere Napoleons Zeit als junger Erwachsener dokumentiert der Regisseur in unnötiger Ausführlichkeit. Dass der Film ausgerechnet vor dem ersten großen Highlight in Bonapartes Laufbahn, dem Feldzug gen Italien im Jahr 1796, endet, bewirkt keine geringe Enttäuschung.

Für die Entwicklung des französischen Kinos markiert Napoleon einen Meilenstein. Technisch bleibt das Epos von Abel Gance über jeden Zweifel erhaben und beeindruckt mit tollen Schauwerten und kolossalen Massenszenen; abseits des Produktionsaufwands hätten eine straffere Dramaturgie und eine differenziertere Herangehensweise dem Film gut getan.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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