Mit dem parabelhaften Horrorfilm Shivers legte David Cronenberg sein Langfilmdebüt vor, verhandelt bereits typische Themen und mischt gekonnt kluge Gedankenspiele mit drastischen Genrefilmanleihen.

Copyright

Filmkritik:

Schon die Eröffnungssequenz verdeutlicht Cronenbergs Talent für effektvolles Erzählen: In einer Parallelmontage sehen wir einen Werbefilm für das Leben in einer abgeschotteten Hochhausanlage, die nicht nur Supermarkt und Arzt inkludiert, sondern die luxuriösen Apartments noch um Friseur, Schwimmbad und Co. ergänzt. Doch der Regisseur setzt hierzu einen perfiden Kontrast: Eine unerträglich spannende Mordszene unterbricht den Werbeeinspieler immer wieder und zeigt den Todeskampf einer jungen Frau, die sich – offenkundig in einer der beworbenen Wohnungen – vergeblich gegen einen alten Mann wehrt.

Wie wir später erfahren, war dies der finale Schritt eines Seuchenausbruchs in dem Hochhauskomplex, von dessen Bewohnern Cronenberg ein halbes Dutzend vorstellt, die im weiteren Verlauf des Films um ihr Überleben oder die Eindämmung der mysteriösen Krankheit kämpfen. Die ursprünglich als Heilmittel konzipierte Seuche steigert den Sexualtrieb ins Unermessliche und verwandelt die Infizierten in triebgesteuerte Zombies, die nicht nur ihre Krankheit an die Opfer weitergeben, sondern sie bisweilen vor lauter Lust schon mal verspeisen.

Mit niedrigem Budget in nur 15 Tagen abgedreht, schwang sich Cronenbergs Debüt zum bis dato finanziell erfolgreichsten Film Kanadas auf, erwies sich aber dennoch nicht als mustergültiges Karrieresprungbrett: Aufgrund der (mit Steuergeldern geförderten) kontroversen Melange aus Sex und Gewalt sorgte Shivers nicht nur für eine offizielle Debatte im kanadischen Parlament, sondern kostete Cronenberg ironischerweise seine eigene Wohnung – aufgrund negativer Kritiken wurde ihm wegen Verletzung einer Moralklausel gekündigt.

Aus heutiger Sicht mag der Film an moralischer Schockwirkung eingebüßt haben, die damalige Empörung lässt sich jedoch nach wie vor gut nachvollziehen, stellt Shivers doch eine Parabel dar, die zielsicher ins Schwarze trifft und heute aktueller denn je erscheint. Geschickt betont der Film den Status von Sex als einem der mächtigsten Triebe der Menschheit und veranschaulicht in übersteigerter Form, wie fragil unsere über viele hundert Jahre aufgebauten sozialen Normen noch immer sind – im Zweifelsfall haben wir den natürlichen Trieben nichts entgegenzusetzen. Dies erscheint umso problematischer, je mehr unser Alltag von sexualisierter Werbung und Pornografie durchdrungen wird. Die Angst vor einer Übersexualisierung der Gesellschaft manifestiert sich hier in der (Phallus)Form eines schleimigen Wesens, das durch die Wohnungsanlage kriecht und nichtsahnende Bewohner penetriert und infiziert.

Leider gelingt es Cronenberg in diesem ersten Werk noch nicht, seinen klugen Inhalt in eine fesselnde Form zu gießen. Zwar überzeugt Shivers mit seinem Kammerspielflair – er spielt ausschließlich in dem Apartmentkomplex und innerhalb weniger Stunden -, viele Szenen der zweiten Filmhälfte wirken jedoch etwas zusammenhanglos und das Verhalten der Zombies zu beliebig. Ein akutes Gefühl der Bedrohung transportiert Shivers zu selten, Horrorfilmstimmung kommt nicht auf. Zudem enttäuschen die blutigen, aber faden Actionszenen, mit deren Inszenierung Cronenberg sich schwer tut.

Für Fans des Kanadiers ist dessen erster Langfilm auf jeden Fall eine Sichtung wert, deutet Cronenberg hier doch schon seine Qualitäten an und wartet mit einer interessanten Idee auf. Wer Lust auf einen schmissigen Genrefilm hat, muss jedoch hinsichtlich der Spannung und einer fesselnden Inszenierung Abstriche machen.

Eine interessante Fußnote ergibt sich durch einen Vergleich zu einem Roman des Science-Fiction-Autors J.G. Ballard, der nicht nur die Vorlage für Cronenbergs Meisterwerk Crash schrieb, sondern 1975 zeitgleich zu Shivers einen Roman über einen abgeschotteten luxuriösen Appartmentkomplex veröffentlichte, in dem eine Art Bürgerkrieg ausbricht. Die Verfilmung von High-Rise durch Ben Wheatley erschien 2015 und eignet sich hervorragend für ein Double-Feature in Verbindung mit Shivers.

0
1-Klick-Suche bei Amazon

DER REGISSEUR

Der kanadische Regisseur David Cronenberg zählt zu den Größen des Genrefilms, fing aber klein an. Schon seine frühen, mit wenig Budget produzierten Horrorfilme beeindrucken durch ihre Hintersinnigkeit. Cronenbergs Faible für psychologische Abgründe und körperliche Transformationen prägte den Begriff Body Horror. Seine Filme sind selten perfekt, aber immer herausfordernd.

Entdecke den Regisseur

DER REGISSEUR

Der kanadische Regisseur David Cronenberg zählt zu den Größen des Genrefilms, fing aber klein an. Schon seine frühen, mit wenig Budget produzierten Horrorfilme beeindrucken durch ihre Hintersinnigkeit. Cronenbergs Faible für psychologische Abgründe und körperliche Transformationen prägte den Begriff Body Horror. Seine Filme sind selten perfekt, aber immer herausfordernd.

Entdecke den Regisseur

DAS GENRE

Das Horrorgenre gibt uns die Möglichkeit, Schreckensszenarien durchzuspielen und damit Stress aus unserem Unterbewusstsein abzuleiten. Der Horrorfilm bedroht immer die Normalität – sei es durch Geister, Monster oder Serienkiller. In der Regel bestrafen die Antagonisten die Verfehlungen von Sündern, inzwischen verarbeiten postmoderne Horrorfilme diese Motive jedoch auch ironisch und verbreitern damit die ursprünglichen Sujets des Genres.

Entdecke die Filme des Genres

Auch aus diesem Genre:

Auch aus diesem Genre:

Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

ÜBER DIE SEITE

Filmsucht.org

Neu hier?
Die Mission
Toms Geschichte

Entdecke 32 großartige Geheimtipps.

Mit FilmsuchtPLUS.

Abo starten
mehr Infos