Stalker

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Filmkritik:

Der russische Klassiker Stalker zählt zu den unantastbaren Monumenten des Weltkinos und vollbringt nicht weniger, als aus technischer Perfektion und brillanter Geschichte pure Kinomagie zu erschaffen.

Für das Drehbuch von Andrei Tarkowskis Meisterwerk griffen sich die beiden Brüder Arkadi und Boris Strugazki ein Kapitel ihres Science-Fiction-Romans Picknick am Wegesrand heraus und bauten es aus. Der Titel bezieht sich auf einen Zwischenhalt von Außerirdischen auf der Erde, bei dem sie vor ihrer Abreise einige Dinge zurückließen – Überbleibsel eines kleinen Picknicks am Wegesrand eben.

Entstanden ist dabei die Zone – ein vom Militär hermetisch abgeriegelter Landstrich, in dem die Gesetze unserer Erde nicht mehr vollständig gelten und unsichtbare Fallen die Wege säumen. Doch im Laufe der Zeit erschlossen einige illegale Besucher die Geheimnisse der Zone, teilten ihr Wissen untereinander und führten als Kundige, als Stalker, andere Menschen hinein und hindurch. Nicht ohne Grund: Hinter den überwucherten Überbleibseln der vertriebenen Zivilisation und den unsichtbaren Fallen soll sich in einem halb zerfallenen Gebäude der sagenumwobene Raum der Wünsche befinden.

Hier wird deutlich, dass Stalker kein konventioneller Science-Fiction-Film ist, sondern sich seinem Thema nahezu märchenhaft nähert. Weder tauchen Außerirdische auf, noch benutzt Tarkowski Effekte. Stattdessen beschwört er eine Aura des Magischen, die wir nicht sehen können, aber schnell fühlen, weil wir geschickt darauf eingeschworen werden vom namenlosen Stalker.

Dieser entpuppt sich eben nicht nur als ortskundiger Wegefinder, sondern vor allem als spiritueller Führer. Seine Bedachtsamkeit zwingt uns und seine beiden Begleiter, innezuhalten. Die Demut, mit der der Stalker die Wege, die er doch schon kennt, immer wieder auf Fallen prüft, lässt uns Gewahr werden, wie gefährlich die Zone ist. Wer ihr keinen Respekt erweist, kommt unweigerlich in ihr ums Leben.

Die Reise durch die magische Welt der Zone erfordert einen wahrhaftigen Glauben. Die Besucher der Zone geben sich ihr hin, vertrauen auf einen Mythos, den sie nicht wahrnehmen können und sind gezwungen, sich auf das Nicht-Fassbare einzulassen. Der Stalker ist hingegen sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat sich der Zone mit seinem Leben verschrieben, wie andere einer Religion.

Zwei Männer werden von ihm angeführt: Ein Schriftsteller und ein Professor, die in Stalker stellvertretend für zwei wesentliche Elemente der Menschheit stehen – die Kunst und die Wissenschaft. Die sich daraus ergebenden konträren Weltanschauungen sorgen für zahlreiche Diskurse über unser Dasein, die Gesellschaft und die Welt, kurzum: Über das Wesen der Menschheit in unserem Zeitalter. Gleichzeitig unternehmen die Protagonisten mit jedem Schritt, der sie tiefer in die Zone trägt, auch eine Selbsterkundung, denn weil die Zone eben unfassbar ist und ausschließlich in sich selbst wirkt, wirft sie Ideologien, Vorurteile und Glaubenssätze auf den zurück, der sie denkt und zwingt zur Auseinandersetzung, sodass die Besucher letztlich eine Wandlung durchmachen. Gleiches gilt für den Zuschauer: Tarkowskis Kino der Entschleunigung, die von Verfall und Mystik geprägte Atmosphäre und der präsente Spiritualismus eröffnen dem Publikum einen Raum, um die eigenen Ansichten zwischen denen der Figuren zu platzieren.

Stalker zählt zu den jenen Werken, denen es gelingt, uns in eine komplett andere Welt zu ziehen. Tarkowski zelebriert einen magischen Naturalismus und schlussfolgert, dass der Mensch inmitten der Natur der Zone einen unwichtigen Makel der Schöpfung darstellt. Die ausgedehnten Kamerfahrten vorbei an rostigen Panzern, eingefallenen Fabrikanlagen und zahllosen kleinen Gegenständen unter Wasserflächen erzeugen eine elegische Stimmung. In der Zone scheint alles möglich zu sein.

Gleichzeitig beweist Stalker durchaus auch einen Hang zu Spannungsszenen, wenn beispielsweise die Protagonisten zu Beginn des Films die militärische Abriegelung überwinden müssen, um in die Zone zu gelangen. Auch eine der memorabelsten Szenen von Stalker glänzt mit Spannung: Die Durchquerung eines langen Metalltunnels voller knirschender Glasscherben, von dem der Stalker seinen Gefährten hinterher berichtet, dass er „Fleischwolf“ genannt wird und beinahe immer ein Opfer fordert.

Vor dem Raum der Wünsche angelangt, überrascht das Drehbuch dann gleich mit mehreren Entwicklungen, die hier nicht gänzlich vorweggenommen werden sollen. Zentral für das Verständnis des Films steht die Bestätigung des Stalkers, dass es den Raum tatsächlich gibt, er jedoch nicht so funktioniert, wie zunächst angenommen. Wer ihn betritt, kann seinen Wunsch nicht äußern – der Raum blickt in die Seele des Besuchers und spürt seinem tiefsten Wunsch nach. So erhielt ein Mann, der seinen Bruder aus Geldgier in den Tod schickte, nicht wie gewünscht seinen Bruder zurück, sondern noch mehr Geld, was ihn in den Selbstmord trieb.

Nun zögern der Schriftsteller und der Wissenschaftler. Den Raum zu betreten, hieße, an die eigene und damit auch an die kollektive Seele der Menschheit zu glauben.

Glauben wir?

Handlung:

Unter der Führung des Stalkers, eines Pfadfinders und Ortskundigen, der am Rande einer verfallenen Industrielandschaft lebt, begeben sich ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller in diese mysteriöse „Zone“, in der es angeblich einen Raum geben soll, an dem die geheimsten Wünsche der Menschen in Erfüllung gehen. Die unterschiedlichen Motive des Schriftstellers, des Wissenschaftlers und des Stalkers für die verbotene Reise werden jedoch erst an diesem geheimnisumwobenen Ort offenbart…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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2017-06-16T16:21:40+00:00

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