Manchmal offenbart sich auch viele Jahre nach einer Veröffentlichung eine ganz neue Relevanz. Wer heutzutage Paul Verhoevens Sci-Fi-Groteske Starship Troopers schaut, findet womöglich den Entwurf eines Trump-Amerikas im Endstadium.

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Filmkritik:

Bereits 1959 ersann Robert A. Heinlein eine neue Gesellschaft, die er im futuristischen 25. Jahrhundert ansiedelt. Hier wurde endlich die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau durchgesetzt und politische Staatsangehörigkeiten wurden zugunsten einer globalen Föderation aufgelöst.

Allerdings ist diese globale Nation zu einer faschistoiden Leistungsgesellschaft mutiert, in der ähnliche Termini verwendet werden wie vom aktuellen US-Präsidenten. Stetig wird die eigene Stärke beschworen und auf das menschliche wie militärische Potenzial verwiesen, während soziale und demokratische Werte vernachlässigt werden und jegliche Differenzierung unerwünscht ist.

Heinleins Roman erweist sich als perfekter Stoff für den niederländischen Filmemacher Paul Verhoeven, der bereits mit Robocop und Basic Instinct in Hollywood aneckte, gleichzeitig jedoch auch finanziell erfolgreich war. Verhoeven gelang es stets, Stars und Unterhaltungswert in Einklang mit gewagteren Ideen zu bringen.

Die beiden vorgenannten Werke mögen die besseren Filme sein, doch in anderer Hinsicht ist Starship Troopers Verhoevens Meisterstück geworden: Nie wurde in Hollywood etwas derart Anachronistisches produziert, schon gar nicht für damals astronomische 100 Millionen Dollar.

Für das viele Geld servierte Verhoeven, was die Produzenten bestellt hatten: Starship Troopers ist ein actiongeladener Blockbuster, der zwei Stunden lang gut unterhält, sehenswerte Effekte einsetzt, dramaturgisch funktioniert und gleich mehrere Helden zur Identifikation anbietet.

Gleichzeitig erweist sich das Geschehen jedoch als beunruhigend und irrwitzig: Mit einem ungeheuren Tempo und bitterböser Freude am Absurden konfrontiert uns das Drehbuch mit immer neuen Details seiner dystopischen Gesellschaftsordnung. Über Propagandafilmeinspieler, süffisante Dialoge und schwülstigen Patriotismus entlarvt sich die Welt des Films zunehmend selbst und fordert das Publikum ständig heraus, das Gebotene zu reflektieren.

Inmitten dieser grotesken Militärwelt platziert Verhoeven eine Schar junger Erwachsener, die wirken, als wären sie direkt am Set der in den Neunzigern so beliebten Teenie-Seifenoper Beverly Hills, 90210 gecastet worden. Dieser Eindruck entsteht auch, weil Verhoeven tatsächlich Seifenoperelemente verwendet und diese mit beeindruckender Konsequenz und Souveränität mit der brutalen Action und den dystopischen Elementen kreuzt.

Der Niederländer lässt es sich nicht nehmen, all diese Genrebestandteile so weit wie möglich aufzublasen: Die strahlenden jungen Erwachsenen werden in einem Meer aus Patriotismus gebadet und mit den Tugenden des Militärs gesalbt. Seltsamerweise geht Verhoevens Chuzpe auf und Starship Troopers unterhält trotz oder gerade wegen seiner zynischen Absurdität.

Gleichzeitig verzichtet Starship Troopers auf die für Hollywood so typische Ethik des Helden. Normalerweise macht dieser im Laufe eines Films normalerweise eine Wandlung durch und entscheidet sich für den Weg von Recht und Moral.

Nicht so in Starship Troopers – hier handeln die erfolgreich konditionierten Protagonisten im weiteren Verlauf schlichtweg immer brutaler und entschlossener, anstatt an ihren Problemen zu wachsen und ihr Tun zu reflektieren. Das erinnert an Stanley Kubricks ähnlich gelagerten Anti-Kriegsfilm Full Metal Jacket, der den Übergang von Zivilisten zur Killermaschine noch perfider inszenierte.

Inzwischen wirkt Starship Troopers wie aus einer anderen Zeit, die risikoscheuen Studios von heute würden einen teuren Film mit derartigem Inhalt keinesfalls produzieren. Vielleicht beschwichtigte Verhoeven die Verantwortlichen damals mit dem Versprechen auf eine konventionelle zweite Filmhälfte.

Nach einer Stunde Spielzeit sinkt die Anzahl der zynischen Dialoge merklich und auch die Kritik an blindem Patriotismus und Militarismus wird zurückgefahren; stattdessen setzt der Film ganz klassisch auf Blockbuster-Schauwerte und entfesselt furiose Schlachtszenen mit viel Blut und Spezialeffekten, was im weiteren Verlauf redundant wirkt und den abseitigen Charme des Beginns vermissen lässt.

Nichtsdestotrotz lohnt sich eine Sichtung von Starship Troopers, weil Verhoeven konsequent auf das Reflexionsvermögen seines Publikums vertraut und einen Großteil des sterilen Post-9/11-Hollywoodkinos entlarvt. Die Angst vor der eigenen Schwäche, die sich in der Forcierung einer militärischen Hochleistungsgesellschaft Bahn schlägt, greift nicht nur die sozialen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts an, sondern wird in Starship Troopers effektvoll gespiegelt.

Die größte Kontroverse des Films entsteht weniger durch die comichafte Überzeichnung einzelner beispielhafter Faktoren seines dystopischen Faschismus, sondern durch die Feststellung, dass dieses System durchaus funktionieren kann und sich gar nicht so stark vom zeitgenössischen Amerika unterscheidet.

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Der Science-Fiction-Film besitzt eine Vielzahl von Ausprägungen: Erdbesuche von Alien und die Erkundung fremder Planeten zählen ebenso zum Repertoire wie dystopische Dramen und Zeitreisefilme. Dabei ergeben sich oft Schnittstellen zu anderen Genres – vom Horrorfilm bis zur Komödie ist im Sci-Fi-Setting alles möglich.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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