The Texas Chainsaw Massacre – Blutgericht in Texas

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Filmkritik:

So etwas wie The Texas Chainsaw Massacre hatte es noch nicht gegeben: Tobe Hoopers 1974 erschienenes Werk prägte das ohnehin im Wandel befindliche Horrorgenre nachhaltig, wurde zum Vorreiter und Kultfilm. Trotz des niedrigen Budgets, der Laiendarsteller und einfachster Produktionsverhältnisse zählt The Texas Chainsaw Massacre inzwischen zum Katalog des New Yorker Museum of Modern Art und zum festen Kanon des Genres.

Der Horrorfilm der alten Schule ließ Monster und Geister in die Normalität der Menschen eindringen, doch Tobe Hooper verkehrt mit seinem zweiten Film die Genreregeln ins Gegenteil: Anstatt eine äußere Bedrohung in die normale Welt zu versetzen, stolpern normale Menschen in eine bedrohliche Welt. Das Böse strömt nicht mehr aus Zwischenwelten und anderen Dimensionen, sondern lebt mitten unter uns; auch ein Kommentar auf die durch die drohende Niederlage im Vietnamkrieg gespaltene amerikanische Gesellschaft. Nachdem zwei Jahre zuvor bereits Beim Sterben ist jeder der Erste die innenpolitische Krise in einen im Hinterland spielenden Survivalthriller konvertierte, schuf The Texas Chainsaw Massacre nun endgültig das Subgenre des Backwoodhorrors, in dem naive Städter in die Fänge bösartiger Hinterwäldler geraten.

Doch nicht nur das Setting unterscheidet Hoopers Werk von vorherigen Produktionen, denn The Texas Chainsaw Massacre bricht konsequent mit konventionellen Strukturen und Strategien des Horrorgenres. Statt wohligen Grusel aufzubauen, prägte The Texas Chainsaw Massacre den Begriff des Terrorfilms, der sein Publikum mit größtmöglicher Eskalation konfrontiert, der nicht selten auch eine degenerierte Perversion innewohnt: Wo Geister und Vampire noch als Werkzeuge höherer Mächte wirken und ihrem Tun zumindest eine immanente Logik zugrunde liegt, gebären im Terrorfilm Stumpfsinn und Wahnsinn der Menschen groteske Bluttaten, deren Wesen keinerlei Funktion mehr erfüllt, sondern vollkommen sinnlos erscheint. Wo altmodische Horrorfilme unsere Synapsen mit schemenhaften Gruselsymptomen lediglich anregen, agiert der Terrorfilm absolut konkret, überfährt und überfordert uns mit seiner so anarchischen wie stumpfen Direktheit.

Weil The Texas Chainsaw Massacre eben kein konventioneller Horrorfilm ist, funktioniert er auch anders. Obwohl sich Hoopers Werk durchaus müht, sein Publikum bei der Stange zu halten, baut er kaum auf klassische Spannungsszenarien. Die erste Hälfte der 80-minütigen Spielzeit dient als Exposition, die Handlungsebene bleibt simpel. Lediglich die überaus rohe Inszenierung und die unheilvolle Audiospur, die Musik zugunsten unangenehmer Geräusche weglässt, evozieren latente Gefahr und damit Suspense. Als umso überraschender erweist sich der erste Mord, der urplötzlich geschieht und mit seinem unspektakulären, beiläufigen Realismus erschreckend gut funktioniert. Doch die Morde selbst stehen nicht im Zentrum des Films, sondern nähren die apokalyptische Atmosphäre, die den großen Reiz von The Texas Chainsaw Massacre ausmacht.

Im Gegensatz zu Wes Cravens geschmacklosem Terrorfilm Das letzte Haus links und vielen weiteren Epigonen erweist sich die Gewaltdarstellung in The Texas Chainsaw Massacre als relativ moderat. Hoopers Werk wurde zwar ebenfalls mit einer Indizierung in Deutschland und entsprechenden Verboten in anderen Ländern belegt, kommt aber nahezu ohne Filmblut aus, was Bände spricht, weil der Film seine verstörende Wirkung sogar noch steigert. Die härtesten Momente in Hoopers Werk bleiben jene, in denen wir uns das Grauen vorstellen müssen. Statt brutale Momente genüsslich zu zelebrieren, stellt der Regisseur die Gewalt viel mehr als grundsätzliches Element der Umgebung dar – eine bösartige Aura beherrscht dieses Backwood-Amerika und durchdringt es wie Radioaktivität.

Diese zersetzende Durchdringung hat es nun bis in die kleinste Keimzelle der Gesellschaft geschafft: die Familie. Wenn wir in einer der wenigen zentralen Szenen von The Texas Chainsaw Massacre die vier degenerierten Antagonisten beim wortwörtlichen Leichenschmaus sehen, schwankt die Szenerie zwischen grausigem Slapstick und verstörender Ablehnung, ermöglicht erneut eine pessimistische Deutung der amerikanischen conditio humana. Mit einer ausführlichen Verfolgungsjagd nähert sich Hoopers Werk im Finale noch am ehesten den Genrekonventionen: Die Auseinandersetzung zwischen dem viehischen Motorsägenmörder mit der Maske aus Menschenhaut und der panischen Studentin, deren wahnsinniges Schreien nichts mehr mit der heiteren Scream-Queen-Attitüde des Genres gemein hat, wird dann jedoch ungewöhnlich aufgelöst. Wenn auch die Erleichterung überwiegt – eine erlösende Katharsis bleibt aus, denn Leatherface gehört die letzte Szene.

Der Degenerierte schwingt seine Kettensäge Pirouetten drehend durch die Luft, während die Sonne aufgeht. Nichts ist gesühnt. Sie sind immer noch unter uns.

Handlung:

Alles beginnt wie ein idyllischer Sommerausflug: Die vier gutgelaunten jungen Menschen in ihrem Auto ahnen noch nicht, dass dieser sonnige, schöne Tag zum entsetzlichsten, schrecklichsten und letzten ihres Lebens wird. Als ihnen in einer einsamen Gegend das Benzin ausgeht – ganz in der Nähe eines alten Schlachthofes – nimmt ihr grauenvolles Schicksal seinen Lauf.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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