Der griechische Klassiker Angst stürzt eine Bauernfamilie durch ein Verbrechen in die Krise. Der Kriminalfilm kombiniert vermeintlich idyllische Sommerbilder mit psychologischer Spannung. Mit geschickt eingesetzten Stilmitteln übersetzt er die Seelenqualen der Protagonisten und verleiht dem Geschehen albtraumhafte Züge.

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Filmkritik:

Der Sonderling Anestis steht im Mittelpunkt des Films. Der junge Mann war noch nie mit einer Frau zusammen, zunehmend verzweifelt verzehrt er sich nach dem weiblichen Geschlecht. Schließlich entlädt sich seine Obsession – er vergewaltigt die Dienstmagd der Familie und tötet sie im Affekt. Seine Eltern decken die Tat, ihre psychische Auswirkung können die drei Beteiligten jedoch kaum verbergen.

Der Plot von Angst ist konventionell aufgebaut: Das erste Drittel widmet sich Anestis‘ unerfülltem Verlangen, der Mittelteil schildert die Tat und ihre Vertuschung, das letzte Drittel spürt den Konsequenzen nach. Seinen Reiz zieht der Film von Kostas Manoussakis aber nicht aus der geradlinigen Erzählweise, sondern aus seiner wahnhaften Stimmung.

Von der ersten Szene an baut Angst eine spezielle Anspannung auf, als sähen wir die Welt durch die Augen von Anestis. Eine treibende musikalische Untermalung verbindet schwüle Sommerbilder und dunkle Innenräume, verstohlene Blicke, Nacktheit hinter Türen. Die Stimmung ist sexuell aufgeladen – es geht viel vor sich, obwohl wenig passiert.

Der Film entwickelt eine Dualität zwischen der echten Welt und dem Geschehen in den Köpfen seiner Protagonisten. Dabei gelingt es ihm vortrefflich, beide Ebenen kulminieren und für uns erfahrbar werden zu lassen. Angst zeigt, wie Gedanken einfach nicht verschwinden wollen, sich rücksichtslos Platz verschaffen und schließlich in die Realität hinausbrechen.

Gegen seinen eigenen Kopf kann sich Anestis irgendwann nicht mehr wehren. Regisseur Manoussakis inszeniert diesen Moment des Überschnappens herausragend und erwischt auch uns Zuschauer aus heiterem Himmel: In einer stillen Scheune bricht der Schnitt plötzlich los und schleudert uns Großaufnahmen aufschreiender Tiere entgegen, und dann sind wir schon mitten drin im Kampf zwischen Mann und Magd.

Die Spannung von Angst resultiert aus seiner klug gewählten Perspektive, denn der Film lädt zur Identifikation mit den Beteiligten ein, ohne die schreckliche Tat von Anestis und die elterliche Komplizenschaft zu relativieren. Folglich begleiten wir die Vertuschung des Verbrechens mit dem Wohlwollen eines cineastischen Mittäters, genießen es aber gleichzeitig, wenn die Protagonisten unweigerlich dichter auf ihre Entdeckung hinsteuern.

Einen großen Anteil daran haben die tollen Schauspieler, insbesondere Anestis Vlahos spielt die gleichnamige Hauptfigur mit einer Fülle von Verzweiflungen. Durch seine Tat konnte sich Anestis nicht von seinem Begehren befreien, der zuvor schon schüchterne Mann zieht sich stattdessen noch weiter in sich selbst zurück und kämpft mit seinen Dämonen.

Auch zwischen seinen Eltern entstehen Konflikte: Der Vater verliert seine Rolle als Patriarch und bekommt von seiner Frau die Leviten gelesen. Als gleichrangige Komplizin duldet sie die Trinkerei und die Seitensprünge ihres Mannes nicht länger. Die Gefahr der Entdeckung droht nicht nur vonseiten der Dorfgemeinschaft, sondern auch intern: Die Tochter des Hauses studiert zwar auswärts, bekommt bei ihrem Besuch jedoch mit, dass etwas nicht stimmt.

Der Film lässt keinen Zweifel daran, dass die Familie durch ihre Tat verdammt ist. Angst trägt dem Rechnung und führt eine Invasion albtraumhafter Bilder in die Realität, was mich an die Arbeiten von Ingmar Bergman und Luis Buñuel erinnert hat.

Der Film beweist sogar galligen Humor, wenn die Tochter Fisch für das Abendessen nach Hause bringt, den sie im örtlichen See gefangen hat. Da die anderen Familienmitglieder in eben jenem Gewässer die Leiche entsorgt hatten, bekommen sie keinen Bissen herunter.

Das Grinsen wischt uns Kostas Manoussakis direkt wieder aus dem Gesicht und beschert uns stattdessen eine Gänsehaut: Zwischen Vater und Tochter steht eine Wasserkaraffe, aus der Perspektive des Patriarchen sieht das vom Wasser verfremdete Antlitz wie das einer Wasserleiche aus.

Formale Genüsse wie diesen serviert Manoussakis regelmäßig. In besonderer Erinnerung bleibt auch die Schlusssequenz, in der die Familie auf einer Hochzeit gute Miene zum bösen Spiel machen muss. Anestis steht kurz vor der Implosion und spürt imaginäre Blicke auf sich lasten. Zum Tanz aufgefordert, dreht er sich wie irrsinnig, während die Dorfbewohner einen Reigen bilden und ihn darin „einsperren“.

Angst ist so wunderbar wie schrecklich: Ein Film voller manischer Momente und brodelnder Emotionen, der dank seiner kompetenten Inszenierung einen besonderen Sog entwickelt.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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