Filmkritik:

In seinem Epos Carlos – Der Schakal zeichnet Regisseur Olivier Assayas das Leben des titelgebenden, lange meistgesuchten Terroristen der Welt nach. Dem Film gelingt es vortrefflich, ein Panorama der Beziehungsgeflechte zwischen Geheimdiensten und Terrororganisationen zu entwerfen und historische Entwicklungen einzuweben.

„Wir sind Reisende in Blei“ sagt Steve McQueens Söldner in Die glorreichen Sieben und fasst damit ein unstetes Leben voller Gefahren, aber auch einen perversen Stolz auf den abnormalen Beruf zusammen. Mit ein bisschen Metall gibt sich Ilich Ramírez Sánchez nicht zufrieden – unter dem Nom de guerre Carlos schwang sich der Venezolaner zum Großexporteur für Terrorismus auf und überzog Europa zwei Jahrzehnte lang mit Geiselnahmen und Autobomben.

Das internationale Flair zählt zu den größten Stärken des Films und sorgt für stetige Abwechslung. Carlos unterhielt Verstecke in Ostdeutschland, Ungarn, Syrien und im Sudan, seine Anschläge verübte er in London und Paris, München, Wien und Den Haag. Daher ist es unerlässlich, Carlos – Der Schakal im O-Ton mit Untertiteln zu schauen: Assayas drehte sein Werk nicht auf Englisch, sondern ließ alle Schauspieler ihre Muttersprache benutzen. Das verleiht dem Film eine zusätzliche Dynamik, etwa wenn Carlos mit seiner deutschen Freundin auf Englisch streitet, kurz auf Spanisch flucht und sie dann auf Deutsch zur Raison bringt. Hauptdarsteller Édgar Ramírez spricht insgesamt fünf Sprachen und verdeutlicht damit auf imposante Art den globalen Charakter seiner Figur.

Carlos – Der Schakal begleitet seinen Protagonisten über einen Zeitraum von 20 Jahren. Mit einer lupenreinen Biografie haben wir es aber nicht zu tun: Da viele Perioden aus Carlos‘ Leben undokumentiert geblieben sind, kombiniert der Film die bekannten Fakten mit fiktiven Ideen. Wahnwitzige fünfeinhalb Stunden gönnt sich Assayas im Director’s Cut, um den Werdegang des Terroristen einzufangen. Damit geht der Luxus einher, auf eine konventionelle Dramaturgie verzichten und den wechselhaften Stationen des „Schakals“ gerecht werden zu können, ohne sie in wenigen Minuten abhandeln zu müssen. Trotz der epischen Laufzeit verläuft Carlos – Der Schakal ohne Längen und fühlt sich subjektiv kürzer an – der Film entwickelt nicht nur eine dichte Stimmung, sondern bleibt vor allem in den ersten drei Stunden spannend.

Seinen Protagonisten zeichnet Regisseur Assayas als typischen Anti-Helden. Wie Carlos aus dem Nichts Netzwerke aus dem Boden stampft, mit den Geheimdiensten jongliert und sich mühelos durch politische und ideologische Milieus laviert, nötigt uns automatisch Respekt ab. Der Terrorist ist offensichtlich ein Naturtalent und der internationale Terrorismus ein aufregendes Spiel, das niemand besser beherrscht als er selbst. Dass der „Schakal“ nebenbei noch um die ganze Welt fliegt und ein Leben als Playboy führt, tut sein Übriges.

Dennoch verhindert Assayas konsequent jegliche Glorifizierung seiner Figur, die er eitel und jähzornig, als Macho und Machtmensch zeichnet. Früh stellt der Film heraus, dass Gewalt für Carlos auch Lust bedeutet. Und nicht von ungefähr kommt das Ende des Terroristen auch wegen schwindender Potenz. Die Inszenierung erdet den Protagonisten, die oft improvisierten Szenen zeichnen sich durch einen realistischen Ansatz aus, die fehlende musikalische Untermalung verhindert einen allzu beschwingten Tonfall und auch die Darstellung der Gewalt schreckt ab, anstatt cool zu wirken.

Vor allem aber verweigert uns Carlos – Der Schakal eine Innenansicht: Wir lernen Carlos nie ganz kennen. Weder erklärt er sich, noch hält er lange Monologe über seine Ideale. So erzeugt der Film automatisch eine Distanz zur Figur – wir beobachten, aber wir sind kein Teil des Geschehens. Ein Nachteil dieses Winkelzuges ist es, dass uns Assayas emotional weniger stark bindet. Insbesondere in der letzten Stunde der Spielzeit fehlt dem Film ein Quantum Leidenschaft.

Die fehlenden Selbsterklärungen des Protagonisten gereichen Carlos – Der Schakal jedoch auch zum Vorteil, da er uns die Figur selbst entdecken lässt und dafür zahlreiche Details bereitstellt. Im Verlauf der 20 Jahre umspannenden Rahmenhandlung verändert sich Carlos. Der ideologisch getriebene Terrorist mutiert zunehmend zum freien Unternehmer mit flexibler Gesinnung; aus dem radikalen Marxisten wird ein Mann, der sich einen goldfarbenen Mercedes kauft. Glaubt der „Schakal“ noch an seine Sache oder bleibt ihm nur noch der Selbstbetrug? Wer Carlos wirklich war, wissen wir auch nach dem Film nicht, doch gerade das macht Assayas‘ Werk so ambivalent.

Handlung:

20 Jahre lang hält Ilich Ramírez Sánchez, der sich selbst Carlos nennt und von den Medien mit dem Beinamen „Der Schakal“ versehen wurde, die Welt in Atem. Er und sein Terrornetzwerk sorgen mit immer neuen Anschläge und Entführungen für Schlagzeilen. Da Carlos bei den arabischen und sowjetischen Geheimdiensten ein- und ausgeht, bekommen ihn die europäischen Sicherheitsbehörden nicht zu fassen. Erst als der Kalte Krieg zu Ende ist, fordern Carlos‘ Hochmut und die politische Neuorientierung ihren Tribut …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.