1970 beendete der Regisseur Karel Kachyna seinen kafkaesken Thriller Das Ohr, doch wegen der beklemmenden Darstellung des Lebens im sozialistischen Polen verboten die russlandhörigen Kommunisten die Veröffentlichung. Kachynas Werk überzeugt nicht nur mit politischen Implikationen, sondern auch durch eine große Portion psychologischer Spannung.

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Filmkritik:

Das Ohr schildert den Verlauf einer beängstigenden Nacht. Als der Regierungsbeamte Ludvik nach einer Parteiparty nach Hause kommt, muss er sich nicht nur mit seiner so betrunkenen wie streitlustigen Gattin herumschlagen, sondern auch mit einer eigenartigen Situation: Im Haus ist der Strom abgestellt und über die nächtliche Straße davor bewegen sich in regelmäßigen Abständen mysteriöse Fußgänger.

Immer wieder sehen wir Rückblenden von der Parteiveranstaltung, bei der sich einige Genossen über Ludviks Anwesenheit wundern. Scheinbar sind die Kollegen aus seiner Abteilung und der Minister seines Ressorts bei ihrem Eintreffen in ein Hinterzimmer gebeten worden und seitdem spurlos verschwunden. Handelt es sich um eine gezielte Verhaftung? Befindet sich Ludvik ebenfalls im Visier seiner Genossen?

Hier verdichtet Das Ohr seine bedrückende Atmosphäre. Kachyna zeigt das Geschehen aus der subjektiven Perspektive des Protagonisten und arbeitet mit kleinen Bild-Ton-Scheren, um Ludviks Desorientierung zu transportieren. Ständig schieben sich die Close-Ups lächelnder Parteimitglieder ins Bild. Trotz einigem Getuschel kann Ludvik nichts über die Situation in Erfahrung bringen, denn Unterhaltungen über potenzielle Verhaftungen von Parteimitgliedern gelten als tabu – die „Kellner“ können zwar Lachs nicht von Hering unterscheiden, haben aber gute Ohren.

Nun in seiner Wohnung angelangt, fallen Ludvik weitere seltsame Umstände auf. Warum benötigte der Chauffeur für die Rückfahrt so ungewöhnlich lange? Warum interessierte sich eine Freundin seiner Frau so für die Eigenschaften ihrer Wohnung? Gekonnt belässt es der Film bei diesen Andeutungen, sodass uns nie klar ist, ob es sich reine Paranoia handelt oder um eine ernste Gefahr. Zudem verzerrt Das Ohr die Einschätzung des Geschehens durch subtilen Humor, mit dem eine absurde Verzweiflung einhergeht, wie sie Franz Kafka nicht besser formulieren könnte.

Da sich das betrunkene Ehepaar auch noch ständig streitet und Ludviks Frau ihrem Gatten sowie den vermeintlich installieren Abhörgeräten schließlich Obszönitäten entgegenschreit, während Ludvik krampfhaft darum bemüht ist, einen möglichst unauffälligen Eindruck zu hinterlassen, lässt sich Kachynas Werk am ehesten mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf trifft auf 1984“ zusammenfassen.

Dem ambivalenten Tonfall zum Trotz lässt die Gestaltung keinen Zweifel an der Düsternis dieses filmischen Polens nach dem Prager Frühling. Die Schwärze der Nacht dominiert den gesamten Film, dessen Bildgestaltung imponiert; nur einige ungewöhnliche Kameraperspektiven lockern die Inszenierung auf. Der subtile Score rahmt die visuellen Elemente passend ein und unterstützt die pessimistische Stimmung, ohne vordergründig Eindruck schinden zu wollen. Für die Emotionen sorgt ohnehin das groß aufspielende Darstellerduo Jirina Bohdalová und Radoslav Brzobohatý.

Das Ohr gelingt es nicht nur mehrmals hervorragend, die Stimmung umschlagen zu lassen, der Film weckt auch geschickt Zweifel beim Publikum. Immerhin vernichtet Ludvik nach seinem Eintreffen einige Stapel Arbeitsunterlagen. Pure Vorsicht oder Entsorgung von belastendem Material? Falls die Partei Ludvik tatsächlich abhören sollte – verdient es der ranghohe Beamte vielleicht sogar?

Im Finale gelingt dem Film eine Überraschung, die zunächst einmal unspektakulär wirkt, weil das Konfliktpotenzial der Handlung schlagartig verpufft. Doch gerade diese Idee untermauert die Haltung von Das Ohr am besten und erweist sich als genial. Weitaus schlimmer als jedes konkrete Ergebnis wirkt ein Leben im Konjunktiv, mit der ungreifbaren Gewissheit des Ausgeliefertseins. Die Nacht mag dem Morgen weichen, doch was das Ohr heute nicht hört, hört es vielleicht morgen.

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Die durch die neuen Wellen der Sechziger Jahre eingeleiteten Veränderungen nahmen auch in den Siebzigern Einfluss. In den USA entstand das New Hollywood und in Europa u.a. der Neue Deutsche Film. Erstmals kumulierten hohe Studiobudgets und die Kreativität junger Regisseure. Gegen Ende der Siebziger sorgte eine neue Entwicklung für die Wende: Die ersten Blockbuster erschienen und etablierten das Konzept marketinginduzierter Kino-Franchises.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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