Intimidation bietet ein schönes Beispiel für die Flut an hochwertigen B-Movies, die das japanische Kino der Sechziger Jahre bereicherten. Der 65 Minuten kurze Thriller bedient sich beim Film Noir und verbindet einen spannenden Plot mit galligem Humor, was dem Geschehen eine unterhaltsame Pulp-Note verleiht.

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Filmkritik:

Intimidation stellt keinen Helden, sondern einen Bösewicht in den Mittelpunkt: Der Bankangestellte Takita hat sich rigoros nach oben gearbeitet und in Kürze ausgesorgt, weil er die Tochter des Konzernchefs heiratet. Doch ein Erpresser weiß von einer Unterschlagung Takitas und fordert ein immenses Schweigegeld. Takita bleibt nichts anderes übrig, als die eigene Bank zu überfallen, um seine goldene Zukunft zu retten.

Nach dem Ende der alliierten Besatzung strebte die japanische Filmindustrie Mitte der Fünfziger Jahre zurück zu alter Größe. Dabei avancierte Nikkatsu zu einem Vorreiter, als sich das Studio ganz auf B-Movies statt auf Prestige-Produktionen ausrichtete und dabei vor allem zwei Themen bediente: die 1956 von Crazed Fruit losgetretenen Sun Tribe-Filme über orientierungslose Jugendliche und Gangsterfilme im Stil von Groschenromanen.

Die Fließbandproduktion förderte eine neue Generation von Regisseuren zutage, die pro Jahr fünf, sechs Filme drehten und den kleinen Budgets mit großer Kreativität trotzten. Bei Nikkatsu schlug die Stunde von Koreyoshi Kurahara, der 1960 gleich beide Themenfelder des Studios mit Erfolgsfilmen bespielte – durch den kontroversen Sun Tribe-Film The Warped Ones und den launigen Thriller Intimidation.

Dieser funktioniert nach den typischen Regeln des Film Noir: Einmal begangene Sünden holen die Protagonisten stets wieder ein und lassen sich rückwirkend nicht mehr korrigieren; jede Entscheidung treibt die Figuren weiter in den Abgrund, bis die existenzielle Krise nicht länger abwendbar ist und sie als längst Verdammte dem Schicksal entgegensehen müssen.

Allerdings schildert Intimidation die Situation mit einer latenten Ironie – wie in manchen Werken Alfred Hitchcocks beobachtet der Film seinen leidenden Bösewicht mit einer diebischen Freude. Genüsslich treibt Kurahara ihn in immer neue kritische Momente und lässt ihn einmal sogar vollends scheitern, um die Szene anschließend als Traum aufzulösen.

Dennoch gerät der Film nicht zu Farce, da Kurahara dem Augenzwinkern eine ernsthafte Melodramatik entgegenstellt, die aus einem Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren erwächst. Als Gegenpart zum amoralischen Takita installiert Intimidation dessen Kollegen Nakaike, der als graue Maus stets im Schatten seines Kindheitsfreundes steht.

Anhand des ungleichen Duos baut Kurahara mit wenigen Federstrichen einen kapitalismuskritischen Subtext auf: Auf der einen Seite zeigt er uns Takita, der seine Karriere mit einer rücksichtslosen Ellenbogenmentalität und verbotenen Deals vorangetrieben hat (und damit in der japanischen Leistungsgesellschaft Erfolg hatte), während der demütige Nakaike auf ewig im Mittelmaß feststeckt.

Damit bedient der Regisseur zugleich die pessimistische Weltsicht des amerikanischen Film Noir – die Figuren sind Getriebene ihrer materialistischen Gier und verachten ideelle Werte wie Moral oder Ethik, Macht und Korruption gehen Hand in Hand. Das lässt sich als kritische Bestandsaufnahme des amerikanisierten Nachkriegsjapans lesen und kennzeichnet Intimidation als Vertreter der Japanischen Neuen Welle, über weite Strecken konzentriert sich der Film jedoch auf die Tugenden des Genrekinos.

Da die 65-minütige Spielzeit wenig Raum für einen ausgedehnten Spannungsbogen bietet, konzentriert sich Kurahara auf eine hohe Binnenspannung in den einzelnen Szenen. Immer wieder unterfüttert er das Geschehen mit Miniatur-Konflikten, kleinen Irritationen und Eruptionen, sodass sich ein beständiger Rhythmus aus Spannungsspitzen entwickelt, der uns fortwährend in seinen Bann zieht.

Zudem setzt der Film gleich mehrere wirkungsvolle Twists ein und spitzt das Szenario immer weiter zu, bis es für die Protagonisten wie im Kino Jean-Pierre Melvilles keinen Ausweg mehr gibt. Allerdings verfängt sich auch das Finale in dieser Ausweglosigkeit – das Drehbuch scheint sich nicht zwischen Melodramatik und hard boiled-Gestus entscheiden zu können, der abrupte Schluss kann die aufgebaute Spannung nicht einlösen.

Den guten Gesamteindruck schmälert dieser Makel aber kaum, denn in der Summe gelingt Kurahara trotz wenig Budget und Drehzeit ein durchweg stimmungsvoller Thriller mit ansehnlichen Bildern, hohem Tempo und einem Subtext, der den Plot zusätzlich aufwertet.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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