Der Paranoia-Thriller Zeuge einer Verschwörung atmet den pessimistischen Zeitgeist einer amerikanischen Ära, in der liberale Hoffnungsträger wie die beiden Kennedy-Brüder mit Gewalt zum Schweigen gebracht wurden. Der Film von Alan J. Pakula verzichtet auf übermäßigen Realismus und orientiert sich in seinen besten Momenten am Kino Alfred Hitchcocks.

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Filmkritik:

Ein politisches Attentat dient als Ausgangspunkt der Handlung. Drei Jahre später bekommt der Journalist Joseph Frady Besuch von einer Kollegin, die bei ihren Recherchen auf einen unglaublichen Zufall gestoßen ist: Ein halbes Dutzend der beim Attentat anwesenden Zeugen sind durch Unfälle oder plötzliche Krankheiten verstorben. Als die junge Frau kurze Zeit später ebenfalls stirbt, begibt sich Frady auf die Suche nach einer möglichen Verschwörung.

Regisseur Alan J. Pakula startete seine Karriere mit einer Trilogie von Paranoiafilmen. Zunächst drehte er 1971 den Detektivkrimi Klute und zum Schluss die Watergate-Aufarbeitung Die Unbestechlichen, die 1976 vier Oscars gewann. Zwischen diesen beiden eher realistischen Arbeiten veröffentlichte Pakula Zeuge einer Verschwörung, der deutlicher in Richtung Genrefilm tendiert.

Zu Beginn scheint sich Pakulas Werk noch für die politischen Bezüge seiner Geschichte zu interessieren. Im weiteren Verlauf nutzt der Film sein Sujet jedoch eher kolportagehaft. Die lose, episodenhafte Struktur von Zeuge einer Verschwörung belegt, dass Pakula wenig an inhaltlicher Tiefe gelegen ist und mehr an inszenatorischer Spannung.

Die zweite Filmhälfte weckt Assoziationen zum Kino von Alfred Hitchcock. Wie die Werke des Briten setzt auch Zeuge einer Verschwörung auf einen Joe Jedermann als Protagonisten. Die Figur von Warren Beatty ist kein typischer Held, der verborgene Talente entdeckt und zum Geheimagenten mutiert, sondern ein mittelmäßiger Journalist mit menschlichen Makeln. Mehr schlecht als recht folgt er den Hinweisen auf eine Verschwörung und stolpert immer wieder in gefährliche Situationen, was an Hitchcock-Filme wie Der unsichtbare Dritte oder Saboteure erinnert.

Hitchcocks Arbeiten klingen auch in der spannendsten Sequenz von Zeuge einer Verschwörung durch: Beattys Figur weiß von einer Bombe in einem Flugzeug – und befindet sich dummerweise selbst im Flieger. Der Versuch, auf die Gefahr hinzuweisen, ohne ins Visier der Polizei zu geraten, entwickelt sich zu einem spannenden Wettlauf gegen die Zeit.

Für die Wendungen der Geschichte schreckt Zeuge einer Verschwörung auch nicht vor Ideen zurück, die eher im Groschenroman zu verorten sind. Bei seinen Ermittlungen stößt der Frady auf eine international operierende Agentur für Mordaufträge. Als wäre das nicht schon absurd genug, bewirbt er sich bei diesem „Unternehmen“, um undercover an Informationen zu kommen.

Der Bewerbungsprozess mündet in einem Video-Psychotest. Pakula konfrontiert auch uns mit dieser furios montierten Bilderorgie, die durch unterbewusste Indoktrinierung das Wertesystem der Probanden ins Wanken bringen soll. Vom heimischen Sofa aus macht der Versuch Spaß, Frady amüsiert sich hingegen weniger.

Zeuge einer Verschwörung bewegt sich also näher an Pulp Fictions wie Botschafter der Angst als am thematisch ähnlich gelagerten französischen Politthriller I wie Ikarus. Mit politischen und gesellschaftlichen Szenarien beschäftigt sich Pakulas Film daher eher oberflächlich. Einige Kritiker warfen Pakula sogar vor, sich feige vor unangenehmen Themen wegzuducken. Dem stimme ich nicht zu, denn an den Rändern seiner Erzählung liefert der Film viele interessante Ansätze.

Ähnlich wie in Francis Ford Coppolas Paranoia-Klassiker Der Dialog bleiben die Antagonisten gesichtslos. Wir bekommen „die Bösen“ nie zu fassen, kennen weder ihr Motiv noch ihre Pläne. Je mehr Hinweise Beattys Figur findet, desto mehr neue Fragen kommen auf. Wie fragil der Wert von Informationen ist, spiegelt der Film auch durch beständige Auslassungen auf der Bild- und Tonebene wider.

Dabei stellt Zeuge einer Verschwörung die Sinnlosigkeit von Fradys Ermittlungen heraus. Trotz größter Mühen bleibt er ohnmächtig und als Individuum schlichtweg unbedeutend. Pakula verstärkt diesen Eindruck, indem er auf alles Persönliche verzichtet. Sein Protagonist besitzt kein Privatleben und keine Motive, die ihn als Mensch definieren. Am Ende des Films haben wir ihn immer noch nicht kennengelernt. Ohne diese menschliche Wärme bleibt die Welt des Films entfremdet und seelenlos.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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