Eraserhead

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Filmkritik:

Der surrealistische Horrorfilm Eraserhead markiert den Karrierestart von David Lynch. Sein unnachahmlich inszenierter Albtraum hat seit der Veröffentlichung im Jahr 1977 nichts von seiner Wucht verloren und zählt nach wie vor zu den schockierendsten Erfahrungen der Kinogeschichte.

Wie so viele Werke Lynchs besitzt auch Eraserhead einen autobiografischen Kern: Nachdem der junge David eine behütete Kindheit in einem idyllischen Vorort Washingtons genoss, hatte sich sein Leben binnen kürzester Zeit gedreht. Nur wenige Jahre nach seiner sorgenfreien Jugend sah er sich plötzlich mit einer Rolle als jungverheirateter Erwachsener und Vater eines Kleinkindes konfrontiert. Die frisch gegründete Familie lebte in einer schlimmen Ecke Philadelphias, wo Verbrechen an der Tagesordnung waren. Rückblickend sah Lynch diese Zeit angefüllt „voller Gewalt und Hass und Dreck“, versehen mit einem Gefühl „extremer Gefahr und intensiver Angst.“

Für ein Stipendium des American Film Institute zog Lynch nach Los Angeles und drehte dort mit einem läppischen Budget von 20.000 Dollar Eraserhead. Ursprünglich waren die Dreharbeiten auf einige Monate ausgelegt, zogen sich jedoch über mehrere Jahre dahin. Dank Finanzspritzen von Freunden konnte Lynch sein Debüt fertigstellen und die Erinnerungen an die schreckliche Zeit in Philadelphia in eine abstrahierte Form gießen.

Lynchs erstes Werk spielt in einer heruntergekommenen Industriewelt, in der nie die Sonne scheint. Überall stapeln sich Schrott und Unrat, flimmernde Lampen liegen in ihren letzten Zügen, die Einrichtung der Wohnungen wirkt wie aus Sperrmüll zusammengestellt. Nicht nur die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bilder, auch die unheilvolle Geräuschkulisse erweist sich als effektvoll. Das Dröhnen und Pfeifen von Industrieanlagen, irgendwo entlang rasende Züge und ein obskures Wummern zerren an den Nerven, während immer mal wieder dezente Jazzmusik zu hören ist, die wie aus einer längst vergangenen, besseren Zeit verhalten herüberwabert.

In dieser Welt lebt der junge Mann Henry, dessen Leben in Rekordzeit den Bach runter geht: Als seine Ex-Freundin Mary ihn nach Wochen der Funkstille zum Abendessen bei ihren Eltern lädt, ahnt Henry schon, dass etwas im Argen liegt. Dann offenbart ihm Marys Mutter, dass ihre Tochter schwanger war und ein Kind geboren hat. Henry bleibt nichts weiter übrig, als seine Ex-Freundin zu heiraten. Die ungewollte Verantwortung und die leblose Partnerschaft belasten Henry schwer; und dann ist da noch dieses zu früh geborene Baby. Oder wie Mary sagt: „Die Ärzte sind sich immer noch nicht sicher, dass es ein Baby ist.“

Auch nach mehr als 4.100 gesehenen Filmen fällt mir keine Kreatur der Kinogeschichte ein, die mich derart verstört wie der Nachkomme von Henry und Mary. Mit welchen Mitteln Lynch das Erscheinungsbild des Babys umsetzte, zählt zu den ewigen Geheimnissen des Films. Das Ergebnis beeindruckt – insbesondere angesichts des schmalen Budgets – nachhaltig und bleibt auf ewig in unangenehmer Erinnerung.

Meisterhaft bedient Lynch die Klaviatur des Schreckens: Ob Kamera, Schnitt, Lichtsetzung oder das bizarre Setdesign – Eraserhead sorgt für ein ungeheuer morbides Gesamterlebnis, das seinen Horror in abstrakter Symbolik verpackt. Der Film fährt unzählige sexuelle Metaphern und freudianische Motive auf, schildert seelischen Verfall, Manien und Wahnsinn, beherbergt aber auch Übernatürliches und Traumsequenzen. Die Einordnung des Gesehenen beschäftigt wochenlang und sorgt dafür, dass jeder Zuschauer seinen eigenen Film sieht. Doch trotz dieser Ambivalenz verkommt Eraserhead nie zum kopflastigen Rätsel, sondern entwickelt während des Sehens eine unmittelbare Wucht und funktioniert in erster Linie auf einer unterbewussten emotionalen Ebene.

Lynchs Debütfilm stellt nach wie vor die kompromissloseste Arbeit des Filmemachers dar. Wo spätere Meisterwerke wie Lost Highway oder Blue Velvet sich referenzieller mit dem Kino, dessen Genres und Motiven auseinandersetzen, steht Eraserhead vollkommen für sich allein; ein tiefschwarzes Inferno, ein erschreckender Trip in die Abgründe der Seele.

Handlung:

Als der etwas unbeholfene Henry Spencer der Aufforderung seiner Ex-Freundin Mary nachkommt und zu einem Abendessen bei ihren Eltern vorbeikommt, ahnt er noch nicht, wie sich sein Leben auf den Kopf stellen wird. Mary Mutter klärt ihn auf: Er ist Vater geworden und müsse ihre Tochter nun heiraten. Von der unerwarteten Situation übermannt, willigt Henry ein. Doch nicht nur gefühllose Ehe mit Mary, sondern auch ihr zu früh geborenes Baby lässt Henry Leben zu einem Albtraum werden …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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