Die japanische Horrorkomödie Hausu bietet ein einmaliges Spektakel und schickt uns auf eine kunterbunte Geisterbahnfahrt mit liebevollem Trashfilmappeal. Der Film von Nobuhiko Obayashi lebt vor allem von seinen kuriosen Effekten und einem ausgeprägten Einfallsreichtum.

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Filmkritik:

Mitte der Siebziger Jahre klang die Japanische Neue Welle langsam ab und die Studios erschlossen durch billig produzierte, um Sex kreisende Genrefilme – die sogenannten Pink Eigas – einen neuen Markt. Doch dieser Trend richtete sich ausschließlich an Erwachsene, während die amerikanische Kinoindustrie durch Blockbuster wie Steven Spielbergs Der weiße Hai das komplette Mainstreampublikum in die Kinos lockte. Auf einen solchen Erfolg zielte auch das japanische Studio Toho ab und produzierte ein Werk, das ebenfalls Spannung, Spaß und Sensationen vereinen sollte – Hausu.

Der Vergleich mit amerikanischen Klassikern darf gleich wieder vergessen werden, denn in puncto Budget oder Anspruch bewegt sich der Obayashis Film einige Ligen tiefer. Die Horrorkomödie schildert, wie ein 16-jähriges Schulmädchen gemeinsam mit sechs Freundinnen ihre Tante besucht. Sie wissen jedoch nicht, dass jene Frau eine Hexe ist, die in einer spukigen Villa residiert und das Fleisch junger Mädchen isst, um sich jung zu halten. Der simple Plot folgt einer Standarddramaturgie: In der ersten Hälfte baut das Drehbuch Figuren und Motive auf, im zweiten Teil folgt die stete Eskalation.

Dabei offenbart Hausu comichafte Tendenzen, was besonders bei der Zeichnung der Protagonistinnen auffällt, die allesamt reine Archetypen verkörpern. Der Film stellt das sogar offen durch ihre Namensgebung aus: Melody ist ein musikalisches Mädchen, Fantasy lebt von ihrer Imagination und Kung-Fu … man kann es sich denken. Wie wenig komplex das Geschehen ist, lässt sich auch anhand der Anekdote erahnen, dass die elfjährige Tochter des Regisseurs viele Ideen beisteuern durfte.

All das bleiben jedoch Randnotizen, da Nobuhiko Obayashi ein Effektfeuerwerk abbrennt, das auch mehr als vierzig Jahre nach der Veröffentlichung nicht an Wirkung verloren, sondern eher noch an Charme gewonnen hat. Die Herkunft des Regisseurs, der nach einigen Experimentalfilmen in der Werbebranche anheuerte, ist in jedem Moment zu spüren. Ähnlich wie im Kino des Ex-Zeitungsmanns Sam Fuller schreit jede einzelne Szene gekonnt nach unserer Aufmerksamkeit, im Sekundentakt ereignen sich obskure Dinge.

Auch die visuelle Ebene reizt das Comichafte so weit wie möglich aus. Komplett im Studio gedreht, entstanden die Bilder aus der Kombination der Kulissen im Vordergrund und zahlreicher Matte Paintings dahinter. Diese gemalten Bildhintergründe verhehlen nie ihre Künstlichkeit, sondern betonen die artifizielle Optik sogar noch und sorgen im Zusammenspiel mit der expressiven, an Werke wie Dario Argentos Suspiria erinnernde Lichtsetzung für eine märchenhafte Stimmung.

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen legt Hausu erst richtig los und feuert alles, was es an Effektarten gibt, auf uns ab. Zunächst spiegelt Regisseur Obayashi die verträumte Mädchenwelt durch weichgezeichnete Bilder; die Andersartigkeit des titelgebenden Spukhauses setzt er bei der Ankunft der Mädchen durch einen überdeutlichen Vertigo-Effekt in Szene. Es folgen Stop-Motion-Animationen, durch Fischaugenobjektive verzerrte Bilder, der Einsatz von Rückprojektionen und zahllose spaßige Zeichentrickeffekte.

Als eines der Mädchen ihren Freundinnen die Vorgeschichte ihrer Tante schildert, visualisiert Hausu das als pseudo-altmodischen (Stumm)Film im Film und lässt – um die absurde Metaebene zu komplettieren – die Erzählerin kommentieren, was wir sehen. Aus Obayashis Werk spricht eine vibrierende Lust am Fabulieren und Experimentieren, was in jedem Moment zu spüren ist. Die hinter den billigen Effekten steckende Handwerkskunst hält den Trashfaktor im unwesentlichen Bereich.

Im letzten Drittel des Films nutzt sich die Mischung aus den überkandidelten Effekten, dem sprühenden Humor, der Lolita-Erotik und bemerkenswerter Todesszenen etwas ab; es fehlt an einem inhaltlichen Fundament, das die überbordende Kreativität unterstützt. Doch trotz oder gerade wegen seiner vielen Imperfektionen bleibt der bonbonbunte Popart-Horror, den Hausu serviert, lange im Gedächtnis.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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