Fahrraddiebe steht wie kein anderes Werk für die Qualitäten des Italienischen Neorealismus. Die Arbeit von Vittorio De Sica erreicht bei Abstimmungen zu den besten Filmen aller Zeiten regelmäßig Spitzenpositionen und beeinflusste mit seiner wahrhaftigen Inszenierung zahllose nachfolgende Regisseure.

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Filmkritik:

Wie die meisten neorealistischen Werke entstand auch Fahrraddiebe kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und schildert die widrigen Lebensumstände im Nachkriegsitalien. Antonio, der Protagonist des Films, hat Glück: Da er ein Fahrrad vorweisen kann, findet er trotz allgemeiner Arbeitslosigkeit eine Anstellung als Plakatkleber. Doch am ersten Tag stielt ihm jemand das Zweirad und beraubt ihn damit seiner Lebensgrundlage.

Die drohende Armut vor Augen, macht sich Antonio mit seinem Sohn auf die aussichtslose Suche nach dem Rad. Wie beim Neorealismus üblich, drehte De Sica die Odyssee durch die Straßen Roms an Originalschauplätzen. Die Inszenierung ist subtil: Kamera und Schnitt dienen dem Geschehen unsichtbar, die Laienschauspieler bestechen ebenfalls durch Zurückhaltung.

Durch diese verdichtete Art von Realismus entfaltet Fahrraddiebe eine herbe Brutalität. Gerade die visuelle und erzählerische Klarheit betont Antonios ausweglose Lage, weil keinerlei Effekthascherei die bösen Umstände filtert. Mit seinem harschen Existenzialismus wirft De Sica den Protagonisten auf sich selbst zurück. Aufgrund der allumfassenden Tristesse entwickelt der Film trotz seiner zurückhaltenden Inszenierung eine beachtliche Wucht.

Die semi-dokumentarische Distanz zum Geschehen vermittelt überdies noch etwas anderes: Antonio steht vollkommen alleine dar. Ein Freund von der Stadtreinigung und sein Sohn beteiligen sich zwar an der Suche, die Verantwortung und die Existenzangst trägt jedoch der Familienvater.

Rom ist zur abweisenden, anonymen Großstadt verkommen. Der Krieg scheint jede soziale Gemeinschaft ausgelöscht zu haben, die Menschen sorgen nur noch für sich selbst. Als dann auch noch ein Platzregen Vater und Sohn durchnässt und die Suche unterbricht, scheint sich selbst Gott abgewandt zu haben.

Der Gedanke an Gott kommt auf, weil sich die Suche nach dem Fahrrad ohnehin ins Metaphysische verschiebt. Das Zweirad entwickelt sich zum stellvertretenden Symptom für den Zustand der Nachkriegsgesellschaft, die Suche zur unfreiwilligen Erkundungstour durch eben jene. Das Leben ist kaum noch eines – der Krieg hat es ausgehöhlt und geschrumpft, hat Jahre der Entwicklung negiert und die Menschen zum Stillstand verdammt.

Mit dem Versuch, aus dieser Stagnation auszubrechen, schließt sich der Kreis. Im letzten Drittel von Fahrraddiebe denkt Antonio darüber nach, selbst ein Fahrrad zu stehlen. Am Ende des Films verschwinden Vater und Sohn in der Menschenmasse. Zwei Opfer unter vielen.

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DIE ÄRA

Die Vierziger Jahre wurden durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Die pessimistische Weltlage schwappte in die Filmwelt über und sorgte für einen ernsteren Tonfall und düstere Bilder. Gleich zwei Strömungen von Weltruf entstanden in diesem Jahrzehnt: Der Film Noir mit seinen harten Genrefilmen und der Italienische Neorealismus mit seinem Pessimismus.

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DIE STRÖMUNG

Noch während des Zweiten Weltkrieges schwang sich der Italienische Neorealismus zu einer bedeutenden Filmströmung auf, die sich nach dem Ende des Krieges voll entfaltete. Die Werke dieser Ära schildern die kläglichen Lebensumstände der unteren Bevölkerungsschichten und nutzen dabei eine semidokumentarische Inszenierung, die den Filmen zugunsten der Wahrhaftigkeit alles Künstliche austreiben sollte.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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