High Tension sorgte nicht nur für den Durchbruch des aufstrebenden Regisseurs Alejandro Aja, sondern erwies sich auch als Wegbereiter weiterer brutaler Horrorfilme aus Frankreich, die unter dem Label Neue französische Härte zusammengefasst wurden. Im Vergleich mit anderen Vertretern wie Calvaire, Martyrs, Inside und Frontiers schneidet High Tension noch immer am besten ab.

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Filmkritik:

Allerdings ist Ajas Werk selbst ein Epigone und besinnt sich auf das Horrorkino der Siebziger Jahre, als klassischer Grusel mit Geistern und Dämonen weniger gefragt war als deutlich reellere Schrecken und Werke wie The Texas Chainsaw Massacre und Das letzte Haus links, die das menschliche Verstörungspotenzial aufzeigten.

Terror statt Grusel entfesselt auch High Tension, mit einer überaus einfachen Ausgangssituation: Ein schier unaufhaltsamer Killer, zwei Frauen und ein Haus nehmen einen Großteil der Spielzeit in Beschlag, wobei der Film wie schon im Titel propagiert das Spannungslevel durchgängig hochhält und im Grunde eine einzige große Verfolgungsjagd vorlegt. Während Ajas damals moderne musikvideoartige Inszenierung unnötig hektisch wirkt, überzeugt die Kameraarbeit mit effektvoller Perspektivwahl und der Nähe zu den Protagonisten. Der Ton untermalt den Horror herausragend und setzt statt der üblichen Musik auf unheilvolle Geräuscharrangements. In einem der besten Momente des Films wird dann New Born von Muse eingespielt und erinnert damit an das doppelbödige Grindhousekino der Siebziger, das das eigene Bewusstsein um Genrekonventionen offen zur Schau stellt und genüsslich zelebriert.

Auch die Darsteller überzeugen: Hauptdarstellerin Cécile de France findet genau den richtigen Grad zwischen geschocktem Opfer und taffer junger Frau, während ihr Gegenüber Philippe Nahon wie schon in Gaspar Noés Menschenfeind mit seiner Physis gefällt und als fast schon viehischer Mörder einen bösartigen Antagonisten abgibt. Als tolles Bonmot erweist sich der fast schon panzerartige Lieferwagen des Killers, der genauso bedrohlich wie sein Besitzer wirkt.

Die hochwertige Produktion und die guten Darsteller stellen deutliche Vorteile gegenüber den meisten anderen Slasherfilmen dar, doch leider verspielt High Tension sein Potenzial dennoch; über die Notwendigkeit einiger Gewaltspitzen ließe sich wohl noch diskutieren, doch zumindest in den meisten Szenen setzt Aja die deftige Brutalität nicht allzu selbstzweckhaft ein. Allerdings begeht der Regisseur einen schwerwiegenden Fehler, wenn er sein Publikum für dumm verkauft. High Tension setzt auf einen völlig unnötigen Twist, der zwar erneut den Traditionen des Genres huldigt, es gleichzeitig jedoch erfordert, den Zuschauer dreist anzulügen und weite Teile des Films reichlich schwurbelig als Metaebenenmanifestation zu entwerten.

Dennoch: Horrorfilmfans kommen aufgrund der Qualitäten von Ajas Werk auf ihre Kosten, sofern sie sich das Filmerlebnis nicht von der Pointe verderben lassen.

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DAS GENRE

Das Horrorgenre gibt uns die Möglichkeit, Schreckensszenarien durchzuspielen und damit Stress aus unserem Unterbewusstsein abzuleiten. Der Horrorfilm bedroht immer die Normalität – sei es durch Geister, Monster oder Serienkiller. In der Regel bestrafen die Antagonisten die Verfehlungen von Sündern, inzwischen verarbeiten postmoderne Horrorfilme diese Motive jedoch auch ironisch und verbreitern damit die ursprünglichen Sujets des Genres.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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