Ich bin Kuba zählt zu den bemerkenswertesten Propagandafilmen der Kinogeschichte. Die kubanisch-russische Produktion zeigt die negativ gefärbten Zustände vor der kommunistischen Revolution Fidel Castros und besticht dabei durch eine essayistische Narration und bahnbrechende Kameraarbeit.

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Filmkritik:

In rund zweieinhalb Stunden und vier voneinander unabhängigen Episoden zeichnet der russische Regisseur Michail Kalatosov ein erschreckendes Bild des Kubas unter seinem Diktator Fulgencio Batista. Der Film vermittelt den Eindruck, der Herrscher habe Kuba an den Kapitalismus verraten und dafür die eigene Bevölkerung geopfert.

Den ersten beiden Episoden wohnt der Geist des Italienischen Neorealismus inne, sie zeigen die Auswirkungen des Kapitalismus auf die unteren Schichten: Eine junge Frau muss sich prostituieren, um überleben zu können; ein Großgrundbesitzer nimmt einem fleißigen Bauern die Lebensgrundlage. Beide Fälle entlarven den Kapitalismus als Ausbeuter der Schwachen, er entwertet die Zukunft des Landes (den weiblichen Schoß, das wachsende Zuckerrohr) als seelenlose Ware.

Doch Ich bin Kuba klagt nicht nur das Leid der Armen, sondern bedient auch die Feindbilder der Kommunisten: Die Freier der Prostituierten sind karikatureske Amerikaner, das Land des Farmers geht an den internationalen Konzern United Fruits, dessen Chiquita-Bananen weltbekannt sind.

In der zweiten Hälfte schwenkt die Stimmung um, der Film kanalisiert die Trauer in Wut. Die dritte Episode erinnert an die Politthriller von Constantin Costa-Gavras und schildert die Aktivitäten der studentischen Widerstandsbewegung, der letzte Teil „beweist“ anhand eines Bauern, das eine Revolution jeden etwas angeht und auch mit Gewalt geführt werden muss.

Um die vier Geschichten zusammenzuhalten, greift Ich bin Kuba auf einen ungewöhnlichen Kunstgriff zurück: Wie der Titel schon andeutet, kommt Kuba selbst zu Wort. Als lyrisches Ich mit Frauenstimme gibt die Insel zu Beginn, zwischen den Episoden und am Ende ihre Gedanken preis: „Ich bin Kuba. Schiffe haben meinen Zucker fortgetragen und meine Tränen hier gelassen.“

In den besten Momenten sorgen diese essayistischen Einschübe für clevere Kontraste. „Für dich bin ich das Kasino, die Bar, die Hotels“, sagt die Stimme und zeigt uns die Slums von Havanna. Oder die Stimme fragt: „Wer ist für das Blut und die Tränen verantwortlich?“, was der Film sofort mit einem Nachrichtenausschnitt kommentiert: „General Fulgencio Batista, unser geschätzter Präsident … erhält heute einen Preis.“

So geschickt die Propagandaelemente des Films auch funktionieren, der größte Teil seiner Wirkung entsteht über die sensationelle Bildgewalt. Ich bin Kuba entfacht ein rauschhaftes Filmerlebnis, das auf einer umwerfenden Kameraarbeit beruht. Jahre vor der Erfindung der Steadycam überrascht Kameramann Sergei Urussewski mit einer enormen Dynamik. Gerade, weil die Kamera nicht perfekt dahingleitet, sondern unruhig geführt wird, gewinnt Ich bin Kuba eine große Authentizität.

Den Kontrast dazu liefern Verfremdungseffekte, die durch Weitwinkelobjektive und Infrarot-Filmmaterial erzeugt werden. Im Ergebnis wirken die Bilder realistisch und rauschhaft zugleich. Außerdem kommt die Kamera nie zur Ruhe: Wie im Delirium taumelt sie durch eine Bar voller betrunkener Amerikaner, desorientiert stürzt sie sich in einen apokalyptischen Bombenhagel.

Zwei Einstellungen bleiben besonders im Gedächtnis. Direkt zu Beginn brilliert der Film mit einer bemerkenswerten Plansequenz, in der die Kamera vom Dach eines Hotels über mehrere Stockwerke nach unten gleitet, sich durch die Gäste schlängelt und anschließend einen Tauchgang im Pool einlegt. Letzteres wiederholte Paul Thomas Anderson 35 Jahre später in Boogie Nights.

Noch erhabener ist eine Szene in der zweiten Filmhälfte, in der die Kamera inmitten eines Beerdigungszuges aus der Menge emporsteigt, durch eine Zigarrenmanufaktur im dritten Stock fliegt und sich dann durch ein Fenster ins Freie schiebt, um wie von Geisterhand getragen in 30 Metern Höhe durch die Häuserschlucht zu schweben. Worte werden diesen Momenten höchsten kinematografischen Glücks kaum gerecht, weshalb auf die Ausschnitte auf YouTube verwiesen sein soll – hier und hier.

Derartige Extravaganzen waren nur dank russischen Know-hows möglich. Da es in Kuba keine Filmindustrie gab, bekam die junge Nation Schützenhilfe von der Sowjetunion. Die Russen einigten sich auf eine Koproduktion mit erheblichen Vorteilen für den Karibikstaat: Kuba erhielt eine umfangreiche technische Ausrüstung und ein fähiges Filmteam.

Dazu gehörte neben Kameramann Sergei Urussewski auch der erfahrene Regisseur Michail Kalatosov, der in den Jahren zuvor mit Ein Brief, der nie ankam und Wenn die Kraniche ziehen (Sieg in Cannes 1958) beeindruckende Arbeiten abgeliefert hatte.

Mit dem Ergebnis des ersten gemeinsamen Filmprojektes waren am Ende beide Nationen unzufrieden. Die Kubaner fühlten sich unvorteilhaft porträtiert und die Russen schätzten die Propagandawirkung als zu gering ein. Nach wenigen Aufführungen wurde Ich bin Kuba für 30 Jahre eingemottet und kam erst in den Neunziger Jahren wieder ans Tageslicht – ironischerweise in den USA, wo Martin Scorsese und Francis Ford Coppola für eine größere Popularität warben. Inzwischen bevölkert der Film zu Recht zahlreiche Bestenlisten.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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