Intentions Of Murder

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Filmkritik:

In seiner mehr als vier Jahrzehnte währenden Regiekarriere drehte Shôhei Imamura so einige kontroverse und schwierige Werke, doch Intentions Of Murder sticht dennoch aus seiner Filmografie heraus. Nie hat der Japaner seinem Publikum mehr zugemutet und keines seiner Werke bietet eine derartig grenzwertige Filmerfahrung.

Intentions Of Murder entfesselt in seinen zweieinhalb Stunden eine düstere Tour de Force, die sich noch am ehesten als melodramatische Passionsgeschichte beschreiben lässt. Im Zentrum des Films steht die unbeholfene Hausfrau Sadako, die ein Leben in Fremdbestimmung verbringt. Geknechtet von Ehemann und Schwiegermutter, lebt sie in einfachen Verhältnissen und erträgt klaglos ihr Schicksal. Dann steht eines Abends ein Mann in ihrem Wohnzimmer. Erst bedroht er Sadako, um an das wenige Geld aus der Haushaltskasse zu kommen, dann vergewaltigt er sie. Dies ist der Beginn einer Obsession, die Sadakos Leben aus den Angeln hebt.

Idealisten sollten einen Bogen um Imamuras Werke machen, der von sich selbst sagte, er sei an der Beziehung zwischen dem unteren Bereich des menschlichen Körpers und dem unteren Bereich der Gesellschaft interessiert. Eine einfache Moral oder eine subtile Herangehensweise sind dem Japaner fremd. Wie sein amerikanischer Kollege Sam Fuller übersteigert Imamura das Geschehen bei jeder sich bietenden Gelegenheit und bricht mit Konventionen, um den Finger noch tiefer in die Wunden drücken zu können. Das Publikum kann sich darauf verlassen, dass es für die Protagonisten immer noch schlimmer kommt.

Die Motivation dahinter liegt jedoch nicht im radikalen Effekt, im Gegenteil – Intentions Of Murder schildert eine kathartische Läuterung und entpuppt sich sogar als zutiefst humanistischer Film. Der Weg dorthin fordert jedoch seinen Tribut: Von Sadako, die Schreckliches durchmachen wird und von uns Zuschauern, die wir aufgefordert sind, unter erschwerten Bedingungen Geduld und Verständnis aufzubringen.

Imamura nimmt sich viel Zeit, um die japanische patriarchalische Gesellschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, eine Kleinfamilie, herunterzubrechen. Er illustriert Sadakos Leben als Gefangenschaft zwischen starren Rollenbildern und Moralvorstellungen, aus denen kein Ausbruch möglich scheint. Die erdrückende Atmosphäre und die kargen Winterbilder vereinnahmen alles Lebendige.

Mittendrin: Sadako, die aus heutiger Sicht unaufgeklärte und vielleicht nicht besonders schlaue Frau, die unser Mitleid erregt, aber keine echte Sympathie. Die Menschen um sie herum gewinnen unsere Abscheu hingegen schnell: Ihr an Tuberkolose erkrankter Ehemann, der sie seit Jahren mit einer Arbeitskollegin betrügt; die griesgrämige Schwiegermutter, die sie ständig an ihren niederen Stand erinnert; der labile und todkranke Vergewaltiger, der perverserweise auch noch behauptet, sich in sie verliebt zu haben.

Ohne empathische Anknüpfungspunkte müssen wir diese Situation ertragen. Dass Intentions Of Murder Spaß macht, lässt sich nicht gerade behaupten. Dennoch können Cineasten viel Befriedigung aus diesem Film ziehen. Zu Beginn fesselt Imamura mit seiner messerscharfen Inszenierung, die Schnitt und Perspektivwahl in aufregenden Kombinationen einsetzt und um tolle Kamerafahrten ergänzt. Imamuras verspielte Dynamik aus Pigs And Battleships weicht einer ungleich erwachseneren, meisterhaften Regie.

Die handwerkliche Perfektion erschafft einen filmischen Raum, der offenkundig das reale Leben erschließt, dabei jedoch gekonnt das Innere nach außen kehrt und so das Empfinden seiner Hauptfigur spiegelt. Diese Welt sieht aus wie unsere, doch alles erscheint möglich. Hier können sogar ein Vergewaltiger und sein Opfer in eine abstrakte Beziehung zueinander treten, die beiden hilft. Es entsteht ein Paralleluniversum, wie es nur das Kino kennt.

Und Kinomagie: Es ist ein Verdienst des Films, dass nicht nur die Protagonistin eine Wandlung durchmacht, sondern auch das Publikum. Irgendwann im Verlauf dieser langen zweieinhalb Stunden erobert Sadako unser Herz dann doch. Plötzlich leiden und fiebern wir mit. Nicht, weil sie plötzlich kluge Dinge tut oder sich überraschend aus ihrer Opferrolle befreit, sondern weil sie ihr Schicksal immer weiter erträgt, wo es uns selbst schon längst unmöglich erscheint.

Die lange Spielzeit macht sich nun bezahlt und Intentions Of Murder beweist erst ganz am Ende einen ganz eigenen ungewöhnlichen Humanismus: Während die kranken Männer um Sadako herum langsam dahinsiechen, gehört ihr die Zukunft. In einem Film von Imamura bedeutet diese Hoffnung nicht, dass nun alles gut werden wird; das wird es nie. Aber Sadako wird es definitiv besser gehen. Sie wird noch da sein, wenn alles andere vergeht.

Handlung:

Das Leben der Hausfrau Sadako, deren Leben fad und eintönig ist, wird völlig verändert, als sie zuhause einen Einbrecher antrifft, der sie vergewaltigt und damit ihr Leben aus den Angeln hebt. Sie gerät zur Obsession des Täters, der sich in sie verliebt und sie immer wieder aufsucht. Ihrer kaltherzigen Familie gegenüber verheimlicht sie die Geschehnisse und unterwirft sich fortan nicht nur ihrem herrischen Ehemann, sondern auch dem neuen Bekannten. Durch dieses Doppelleben bemerkt Sadako jedoch letztlich, dass sie nicht an den leidvollen Teufelskreis auf Tradition und Regeln gebunden ist…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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