Das südkoreanische Melodram Madame Freedom erschien 1956 und damit nur drei Jahre nach dem Ende des Koreakrieges. Dem Film gelingt nicht nur die ambivalente Zeichnung seiner Figuren, sondern er entwirft auch ein ansprechendes Gesellschaftsbild von einer Nation am Scheideweg.

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Filmkritik:

Der Krieg ist aus und der Kapitalismus hält Einzug in Südkorea: Bisher hat sich Oh Seon-yeong, die Hauptfigur von Madame Freedom, mit ihrer Rolle als Hausfrau zufriedengegeben und alle wichtigen Entscheidungen ihrem Ehemann überlassen. Doch als dieser es zulässt, dass sie die Leitung einer kleinen Boutique übernimmt, bahnt sich ein Veränderungsprozess an: Plötzlich verfügt Oh Seon-yeong über ein eigenes Einkommen und das Ansehen einer fähigen Geschäftsfrau.

Das sorgt für eine schrittweise Emanzipation: Mehr und mehr frönt Madame Oh der kapitalistischen Lebensart. Sie tauscht ihren traditionellen Kimono gegen ein westliches Outfit, lernt zu tanzen, tritt einem Klub selbstbewusster Frauen bei und bewegt sich fortan in schicken Nachtlokalen. Immer später kommt sie nach Hause und vernachlässigt zunehmend Mann und Kind.

Madame Freedom gelingt hier zweierlei: Oh Seon-yeongs Werdegang fungiert zwar als emotionales Zentrum des Films und funktioniert als klassisches Melodram, darüber hinaus beschreibt das Drehbuch jedoch auch ein ganzes Milieu, weil es geschickt zahlreiche Nebenfiguren einbindet. Wir lernen mehr als ein halbes Dutzend Personen aus Oh Seon-yeongs Freundes- und Bekanntenkreis kennen, sodass der Film nicht nur persönliche Krisen dokumentiert, sondern gleichzeitig eine gesellschaftliche Entwicklung beschreibt.

Obwohl der Film von Han Hyeong-mo das wacklige Fundament des westlichen Lifestyles betont und die Figuren an dieser neuen Lebensart scheitern, weil das Wertgefüge hinter der glitzernden Oberfläche des Kapitalismus noch keine Tiefe entwickelt hat, bezieht Madame Freedom keine eindeutige ideologische Position. Anstatt den Kapitalismus des Westens zu verdammen und ein Loblied auf die nationalen Traditionen anzustimmen, findet Hans Werk eine ambivalente Beziehung zu seinem Thema und bebildert sowohl die Freude der neu gewonnenen persönlichen Freiheit, als auch die Probleme, die in einer zunehmend egoistischer agierenden Gesellschaft entstehen.

Das verhaltene Tempo und die lediglich soliden Darsteller vermögen nicht zu begeistern, die Regie von Han Hyeong-mo gefällt hingegen mit überzeugender Mise en Scène und einigen schönen Einstellungen. Als Prunkstück erweist sich das Drehbuch, das mit seiner ambivalenten Herangehensweise, griffigen Dialogen und detailreich ausgearbeiteten Figuren punktet. Dadurch überzeugt Madame Freedom als Melodram genauso wie als Gesellschaftsstudie.

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DIE ÄRA

In den Fünfziger Jahren befanden sich die weltweiten Studiosysteme auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft. In den Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich versammelten die Studios eine ungeheure Menge an Talent und veröffentlichten dank des geballten Produktionsniveaus zahllose Meisterwerke. Einen gewichtigen Anteil daran ist auch den Regisseuren zuzuschreiben, die sich innerhalb des Systems Freiheiten erkämpften und so ihr Potenzial ausspielen konnten.

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DAS GENRE

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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