2008 gewann The Wrestler den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig und offenbart eine ungewöhnliche Seite im Schaffen von Darren Aronofsky. Wo der Regisseur seine Inszenierung für gewöhnlich auf den größtmöglichen Effekt ausrichtet, besinnt er sich in seinem vierten Film auf angenehm altmodische Mittel und reiht sein Werk nahtlos in die Riege klassischer amerikanischer Verliererballaden wie Haie der Großstadt oder Asphalt-Cowboy ein.

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Filmkritik:

In den Achtzigern noch ein Superstar der Wrestlingszene, kann der abgehalfterte Randy „The Ram“ Robinson seiner Passion nur noch bei drittklassigen Wochenendveranstaltungen nachgehen und arbeitet nebenbei als Kistenschlepper in einem Supermarkt.

Für die frappierende Differenz zwischen dem Gestern und dem Heute findet The Wrestler immer wieder effektvolle Symbole; neben melancholischen Details wie der musikalischen Verhaftung am Glamrock oder dem Spielen an einer fossilen Nintendo-Konsole mit Pixelgrafik fährt der Film jedoch auch einige bedrückende Szenen auf.

So zeichnet Aronofsky das erschreckende Bild einer nur spärlich besuchten Convention: Verbrauchte Altstars sitzen mit Krücken oder im Rollstuhl an Sperrholztischen und verkaufen längst wertlose Devotionalien gegen ein Taschengeld. Sie wirken wie Gespenster aus einer vorsintflutlichen Zeit.

Gespielt wird der abgewrackte Robinson von Mickey Rourke – selten transzendierte eine Besetzung derart akkurat ihre Rolle. Ausgerechnet Rourke, der mit einer Mischung aus immensem Talent und skandalträchtiger Persönlichkeit zum unnachahmlichen Star der Achtziger Jahre aufstieg, bevor er aufgrund von Eskapaden, Drogen und einer späten Karriere als Profiboxer zum Außenseiter in Hollywood geriet.

Jahrelang schlug er sich anschließend mit bräsigen Auftritten durch zweitklassige Filme und erlebte erst durch Sin City ein Comeback. In The Wrestler vereint Rourke das schauspielerische Können aus den Anfängen seiner Karriere mit der inzwischen gewonnenen Lebenserfahrung und einer derart prägnanten Physis, wie sie wohl nur aus der Kombination von plastischer Chirurgie und Boxnarben geformt werden kann.

In Marisa Tomei erhält Rourke einen gleichwertigen Gegenpol. Als Stripperin Cassidy, die sich genau wie Robinson mit dem Altern ihres Körpers auseinandersetzen muss, liefert Tomei die vielleicht beste Leistung ihrer gesamten Karriere ab. Tomeis Präsenz verleiht dem Film menschliche Wärme, sie verkörpert eine Hoffnung, die Robinson längst aufgegeben hat, und erweist sich als die starke Figur des Films.

Dabei war ihre Rolle im ersten Entwurf der Geschichte ganz anders angelegt – Aronofsky wollte seinen Wrestler auf eine Ballarina treffen lassen, konnte deren beiden Welten jedoch nicht vereinen und lagerte die Ballarina-Idee in den misslungenen Horrorfilm Black Swan aus, den er nach The Wrestler drehte.

Da Darren Aronofsky seine Inszenierung vollends in den Dienst der Geschichte stellt und seine Regie ungewohnt bodenständig ausfällt, entfaltet sich die tragische Wirkung des Films vollkommen organisch. Traurig ist nicht, dass ein derart im Gestern verhafteter Mann wie Robinson zwangsläufig scheitern muss, sondern dass ihm sein Schicksal selbst bewusst wird.

Gerade weil Robinson sich im Laufe des Films selbst erkennt, entsagt er den sich bietenden Auswegen und wählt seine Bestimmung. The Wrestler geht ans Herz, weil Randy „The Ram“ Robinson nicht resigniert, sondern aufrecht scheitert.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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