Christoph Hochhäuslers Drama Unter dir die Stadt verlegt eine Bibelgeschichte in das Milieu der Frankfurter Hochfinanz. Der Film lässt sich zwar zur losen Strömung der Berliner Schule zählen, entsagt mit seiner sehenswerten Bildgestaltung jedoch den spröden Tendenzen anderer Vertreter.

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Filmkritik:

Es ist schon erstaunlich, dass die Berliner Schule nicht so recht vom Fleck kommt in Deutschland. In Frankreich wird bereits seit Jahren von einer Nouvelle Vague Allemande geschrieben, auf diversen Filmfestivals sind die Werke von Christian Petzold, Thomas Arslan oder Angela Schanelec ebenfalls regelmäßig vertreten. Und hierzulande? Da laufen die wenig gewinnbringenden Filme kurz mal für eine Woche in den kleinsten Kinos der größten Städte oder nachts im öffentlichen Fernsehen.

Christoph Hochhäuslers Unter dir die Stadt ermöglicht einen guten Einstiegspunkt in die Werke dieser losen Strömung, weil er nicht nur ihre grundlegenden Qualitäten besitzt, sondern auch visuell imponiert, statt an der oft etwas spröden naturalistischen Bildgestaltung von früheren Vertretern wie Die innere Sicherheit oder Bungalow festzuhalten.

Die erhabenen Bilder von Kameramann Bernhard Keller illustrieren die Bühne der Frankfurter Hochfinanz ganz hervorragend und sorgen auch dafür, dass die Szenen in den Glas-Beton-Riesen der Frankfurter Innenstadt deutlich interessanter ausfallen als die vornehmlich „am Boden“ stattfindende Affäre zwischen einem Bankboss und der Frau eines eigens deswegen weg nach Jakarta delegierten Angestellten.

Dennoch reift die spannende Erkenntnis, dass eben nicht die Bürotürme der Banken die Zentren der Macht darstellen, sondern es die Machthaber aus der obersten Etage selbst sind, die ihr finanzpolitisches Gewicht auch außerhalb ihres Büros – im Auto, im Restaurant oder im Hotel – stets mit sich tragen. Dies hat zwangsläufig zur Folge, dass berufliches Wesen und Privatleben untrennbar miteinander verschmelzen. So wird jeder Blick zum Rating, jede Bewegung zur Leistungskurve, jeder Mensch zur Summe seines Nutzwertes.

Doch zwischenmenschliche Anziehungskräfte entsprechen keinen Bilanzsummenposten, sie lassen sich nicht addieren und prognostizieren. In seinen besten Momenten entwickelt Unter dir die Stadt einen Sog aus der Situation des Bankers, der wegen einer Frau seine Berechnung verliert oder gar aufgibt.

Ungeachtet der Tatsache, dass uns der Regisseur keinen konkreten Hinweis gibt, was genau nun diese magische Anziehung zwischen dem Machtmenschen und der einsamen Frau ausmacht, vermittelt uns Hochhäusler ein Gefühl: Etwas passiert mit diesen Figuren unter der Oberfläche. Daran tragen die beiden Hauptdarsteller ebenfalls einen großen Anteil.

Obwohl Unter dir die Stadt im Gegensatz zu anderen Filmen der Berliner Schule keine trockene Realität abbildet, sondern mit den beiden verschiedenen Welten – der innerhalb der Bank und der „niederen“ außerhalb – durchaus eine eigene filmische Blase erzeugt, teilt Hochhäuslers Werk mit den anderen Vertretern der Strömung dieselbe narrative Perspektive und erzählt nicht nur unaufgeregt, sondern auch mit einiger Distanz zu den Figuren, die dem Publikum auch immer ein bisschen fremd bleiben sollen, um dessen Beobachtungs- und Interpretationswillen konstant zu kitzeln.

Im ersten Filmdrittel fängt Hochhäusler gekonnt den Mikrokosmos innerhalb der Bank ein, deutet deren in digitale Finanzwerte gebettete Seelenlosigkeit an und stellt sie der Leere im Leben der jüngst nach Frankfurt gezogenen Protagonistin gegenüber. Im zweiten Drittel versuchen die beiden Figuren, ihr Vakuum miteinander zu füllen, was der Film verhalten beobachtet, doch im letzten Drittel zerfranst die Erzählung dann zunehmend, verliert ihren Fluss wie die Charaktere ihre Bodenhaftung.

Unter dir die Stadt überlässt das Publikum noch stärker sich selbst und bietet für seine aus der Bibelgeschichte von David und Batseba adaptierte Handlung keine Katharsis an, sondern eine im besten Sinne seltsame letzte Szene, die Untergang und Neuanfang zugleich prophezeien mag und lange im Gedächtnis bleibt.

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DIE STRÖMUNG

Die Berliner Schule ist keine historisch gewachsene Strömung, sondern dient als Label für die Arbeiten einer losen, voneinander unabhängigen Gruppe deutscher Regisseure, die an an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ausgebildet wurden. Den Werken der Berliner Schule ist gemein, dass sie ihre Geschichten inmitten alltäglicher Szenarien platzieren und konventionelle Dramaturgien vermeiden.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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