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Filmkritik:

Mit dem Mysterykrimi Burning meldete sich der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong nach achtjähriger Schaffenspause zurück und gewann 2018 den FIPRESCI-Preis bei den Filmfestspielen von Cannes. Lee adaptiert eine Kurzgeschichte des japanischen Autoren Haruki Murakami, tönt dessen Stil einige Töne dunkler und inszeniert ein Vexierspiel ohne Auflösung.

Ganze zweieinhalb Stunden nimmt sich Regisseur Lee Zeit, um Murakamis 20 Buchseiten zu adaptieren. Damit verschafft er sich die Möglichkeit, die Geschichte auf kleiner Flamme köcheln zu lassen. Der Regisseur nutzt zwei Drittel der Spielzeit für Alltagsszenen: Der scheue Jongsu verguckt sich in seine ehemalige Klassenkameradin Haemi und passt während eines Urlaubs auf Wohnung und Katze seines Schwarms auf.

Die romantischen Ambitionen erhalten einen jähen Rückschlag, als Haemi nach ihrem Urlaub mit dem wohlhabenden Ben im Gepäck auftaucht. Da beide Männer Zeit mit der jungen Frau verbringen, treffen sich die drei sozial wie charakterlich unterschiedlichen Protagonisten immer wieder als Trio, bis ein einschneidendes Erlebnis alles auf den Kopf stellt.

Mit seiner überlangen Exposition überzeugt Burning nicht vollends: Da die Inszenierung immer eine gewisse Distanz wahrt und insbesondere die beiden Männer verschlossen agieren, bringt das Plus an Laufzeit keinen Mehrwert für die Figurenentwicklung – einige Kürzungen hätte der Film durchaus vertragen. Allerdings erzeugt das niedrige Tempo eine eigenartige Stimmung, die ihre Faszination spätestens dann entfaltet, wenn die drei Protagonisten einen gemeinsamen Abend auf dem Land verbringen.

Hier werden wir Zeuge, wie Ben von einem kriminellen Hobby berichtet und bedeutungsschwanger angibt, das nächste Ziel ganz in der Nähe von Jongsu auserkoren zu haben; anschließend folgt eine bemerkenswerte Szene, die Klimax und Abschluss der ersten zwei Drittel zugleich darstellt: Mit freiem Oberkörper tanzt Haemi minutenlang im purpurfarbenen Sonnenuntergang zur Musik von Miles Davis.

Dieser Moment wirkt auch deshalb so ätherisch, weil es die letzten Bilder von Haemi sein werden. Die junge Frau verschwindet spurlos. Hatte eine Kränkung von Jongsu sie dazu veranlasst, die Freundschaft unangekündigt aufzugeben? Je länger der junge Mann darüber nachdenkt, desto sicherer erscheint es ihm, dass Ben ihr etwas angetan haben könnte – Burning entwickelt sich zum mysteriösen Kriminalfilm.

Die stete Unsicherheit, ob Haemi wirklich einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, erinnert an Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof, aber noch mehr an Michelangelo Antonionis Blow Up. Mit letzterem verbindet Burning den Hang zur distanzierten Inszenierung, die fehlende Auflösung und denselben Grundgedanken: Um die Feinheiten eines Bildes erkennen zu können, muss man sich ihm nähern, doch überschreitet man einen kritischen Punkt, verkehrt sich der Effekt ins Gegenteil – vor lauter Details verschwimmt das Gesamtbild.

So ergeht es auch Jongsu und uns Zuschauern. Immer neue Indizien deuten auf einen Mord durch Ben hin und vollkommen sympathisch erschien der steinreiche, ständig entspannt lächelnde Nebenbuhler ohnehin nicht, doch objektive Erkenntnisse lassen sich nicht gewinnen. Lange hält Burning seine rätselhafte Stimmung aufrecht, um schließlich mit einem kathartischen Moment zu enden.

Während des Abspanns bleibt zunächst ein unbefriedigter Eindruck: Die distanzierte Regie verhindert einen emotionalen Zugang, die Figurenzeichnung bleibt oberflächlich und die Beweislast scheint sich zu eindeutig gegen Ben zu richten. Dennoch lässt Burning auch Tage nach dem Sehen nicht los. Das liegt nicht nur an den sehenswerten Bildern oder dem motivreichen Blick auf das Leben in Südkorea, sondern vor allem an den blinden Flecken der Handlung. Sie machen die Subjektivität der vermeintlich objektiven Realität bewusst; die kontemplative Erzählweise verformt das filmische Erleben.

Wer kann schon sagen, ob diese Verformung nicht die Wahrnehmung trügt und uns die falschen Schlüsse ziehen lässt? Vielleicht ist Haemi noch irgendwo da draußen … vielleicht finden wir sie bei der nächsten Sichtung von Burning wieder.

Handlung:

Auf der Straße erkennt die junge Frau Haemi ihren ehemaligen Klassenkameraden Jongsu und überredet ihn, während ihres Afrika-Urlaubs auf die Wohnung und die Katze aufzupassen. Als Haemi zurückkehrt, hat sie jedoch den steinreichen Ben im Gepäck. Obwohl Jongsu über den Nebenbuhler nicht erfreut ist, verbringt er erzwungenermaßen Zeit mit Ben, um Haemi sehen zu können. Als die plötzlich verschwindet, ahnt Jongsu Schreckliches …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.