Rattennest

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Filmkritik:

Das Ende der Ära des klassischen Film Noir wird in der Regel auf das Jahr 1958 datiert, dem Jahr, in dem Orson Welles’ Im Zeichen des Bösen quasi den Schlussstrich unter eine Filmströmung zog, die fast zwanzig Jahre lang die Ikonografie der amerikanischen Filmindustrie bestimmt hatte. Retrospektiv muss man jedoch feststellen, dass Welles mit seinem eher klassischen Werk schlicht ein bisschen spät dran war, denn der Film Noir war bereits tot, wurde auf psychopathischste Art und Weise ermordet durch Robert Aldrich, der mit Rattennest bereits 1955 den ersten Neo-Noir auf die Kinoleinwände brannte.

Eigentlich besitzt Rattennest formal wie inhaltlich alle typischen Ingredienzen seiner Strömung und doch machen allein schon die verkehrt herum laufenden Anfangscredits deutlich, dass Aldrichs Film die Konventionen als Deckmantel nutzt, um hinterrücks alles ins Absurde zu verzerren und ins Extreme übersteigern.

Vor und während der Credits sehen wir eine packende Eröffnungssequenz, wie man sie sonst nur aus dem Ausrufezeichenkino von Aldrichs Zeitgenossen Samuel Fuller kennt: nackte Füße auf nächtlichem Asphalt; eine Frau, die vom Helden aufgesammelt wird; Gangster, die den beiden auflauern; schließlich die toten Beine der Frau und viele Fragen für unseren Helden, der nun nach Antworten sucht.

Rattennest basiert auf einem Mickey Spillane-Roman, über den Aldrich das legendäre Zitat, er „habe den Titel genommen und das Buch weggeschmissen“, äußerte. Die Geschichte macht genau diesen Eindruck, denn die ersten Szenen wirken wie ein schwarzes Loch, das alles Nachfolgende verschluckt und nur Leere hinterlässt. Nach der Exposition führt der Plot der ersten Stunde Mike Hammer von einer Fährte auf die nächste, die jedoch nur zu weiteren Fährten führen – immer unzusammenhängender gestalten sich die Szenen, während Hammer noch genauso ahnungslos wie zu Beginn durch ein labyrinthisches Geflecht stapft, Küsse an jede Frau und Faustschläge an jeden Mann verteilt. Obwohl er stetig in Bewegung bleibt, kommt er doch nie voran.

Dass Rattennest ein später Vertreter seiner Gattung ist, wird schnell ersichtlich, wenn Aldrich völlig auf die Semantik des Film Noir setzt, dessen Welt in Zeichensysteme und Erzählmechanik zerlegt und ein bloßes Abziehbild-Universum erschafft. Jede Figur scheint für sich allein zu stehen, in jedem Moment ein Rollenbild zu erfüllen und keine definierte Gefühlswelt zu haben: Sie sind, was sie tun. Demzufolge gerät die Heldenrolle des Mike Hammer allerdings immer mehr zur Farce, da der Protagonist munter um sich schlägt, bedroht und nötigt, wo es ihm dienlich erscheint. Nicht nur die für seine Zeit harte physische Gewalt, sondern vor allem auch der grundlegende Nihilismus des Films lassen die hohen zeitgenössischen Altersfreigaben nachvollziehbar erscheinen.

Obwohl Aldrichs Werk relativ kostengünstig (410.000 Dollar) produziert wurde, zählt Rattennest zu einem der handwerklich besten Noirs und befindet sich dicht an der Nouvelle Vague. Mise en scéne, Kameraarbeit und Perspektivwahl sind vortrefflich, die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder sorgen für viel Atmosphäre und auch die Tonebene gibt einiges her. Zudem ist der Cast ausschließlich aus Charakterdarstellern zusammengestellt und bietet unverbrauchte, aber charismatische Schauspieler.

Aufgrund dieser Qualitäten funktioniert Rattennest sowohl als ironischer Abgesang auf den Film Noir, als respektlose (Selbst)Karikatur, aber auch als kantiger Reißer mit Suspense, der sadistischen Spaß daran hat, seine Figuren in den Abgrund zu schicken. Umso bezeichnender ist es, dass nach zwei Dritteln der Spielzeit ausgerechnet ein MacGuffin Schwung in die Geschichte bringt, um die Story dann endgültig aus den Angeln zu reißen und den B-Movie-Status eigensinnig zu zementieren.

Wer vom Film bis dato nicht verwundert wurde, wird spätestens im explosiven Finale Opfer purer Kinomagie, die Rattennest endgültig zur rassigen Pulp Fiction macht. Aldrich entfesselt mit dröhnender Tonspur ein Inferno, mit dem sein Werk letztlich nicht nur sich selbst ad absurdum führt, sondern äußerst symbolhaft gleich in höchster Konsequenz den Untergang des Film Noir postuliert, indem er schlicht dessen ganze Welt zum Teufel jagt.*

* Es gibt zwei verschiedene Versionen der Endsequenz. Diese Aussage beruft sich auf die unvollständigere, aber bessere.

Handlung:

Der Privatdetektiv Mike Hammer wird ausgerechnet durch eine Frau in diese Geschichte geworfen. Die Frau, die er per Anhalter mitgenommen hat. Die Frau, die einige Minuten später ermordet wurde. Während das Radio sie noch als entflohene Geisteskranke bezeichnet, schienen ihre Mörder etwas vertuschen zu wollen. Für Mike Hammer ist es an der Zeit, die Ursachen dieser Tat herauszufinden – mit Gewalt.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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