Mit Climax besinnt sich der oft zum Skandalfilmregisseur abgestempelte Gaspar Noé auf eine der Grundfesten seines Schaffens. Für Meisterwerke wie Irreversibel und Enter The Void entwarf Noé eine rauschhafte Filmsprache, in Climax rückt er den Rauschzustand nun auch ins Zentrum der Handlung.

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Filmkritik:

Die Anlage des über weite Strecken improvisierten und binnen weniger Wochen abgedrehten Films erweist sich als so simpel wie effektiv. Der Plot benötigt nur eine kleine Veranstaltungshalle im Nirgendwo und eine 21 Mitglieder umfassende Tanztruppe. Nach der letzten Probe veranstalten die jungen Leute eine Party, die zwar wie geplant die ganze Nacht dauert, aber aufgrund einer kollektiven Überdosis LSD zum Horrortrip mutiert.

In vielerlei Hinsicht erweist sich Climax als geradlinigste Arbeit Noés und ermöglicht den einfachsten Zugang zum Schaffen des exzentrischen Argentiniers. Die Handlung ist zeitlich und räumlich beschränkt, die Figuren funktionieren nur als Kollektiv, der Film lädt sich nicht so stark mit Bedeutung auf wie die anderen Werke des Regisseurs. Im Grunde liefert Noé einen aufs Wesentlichste reduzierten, fantastisch inszenierten Horrorfilm ab.

Die erzählerische Ökonomie zeigt sich bereits zu Beginn in kurzen Castingvideos, die den Charakter der Protagonisten anreißen. Nebenbei verweist diese Einführung über einige im Bild befindliche VHS-Kassetten auf Lieblingsfilme des Regisseurs (u.a. Possession, Suspiria, Dawn Of The Dead) und verortet die Handlung anhand der veralteten Datenträger in der Mitte der Neunziger Jahre. Nach diesem Einschub geht es für den Rest der insgesamt 93-minütigen Spielzeit ans Eingemachte.

Noé verschrieb sich schon immer dem Körperkino und setzte das menschliche Fleisch in das Epizentrum zwischen Eros und Thanatos. Dieses Motiv führt der Regisseur nahtlos fort und liefert zu Beginn von Climax eine beeindruckend gefilmte Tanzchoreografie, die mit ihrer pulsierenden Energie gleichzeitig gelöst und aggressiv, sexuell und unschuldig anmutet. Es scheint, als ob der Tanz (und im größeren Sinne, die Kunst) die Kräfte im Gleichgewicht halten.

Dieses Gleichgewicht kippt ebenso wie die ausgelassene Stimmung, als das in die Sangria geschmuggelte hoch dosierte LSD in die Gehirne der Tänzer schießt. Die unmerkliche Verschiebung der Situation zählt zu den spannendsten Augenblicken des Films. Plötzlich etabliert sich eine unterschwellige Angst; Gespräche reißen ab; eine Frau uriniert freimütig auf die Tanzfläche; Desorientierung, unverhohlene Ressentiments und sexuelle Triebe gewinnen die Oberhand.

Diese typisch Noé’sche Transformation lässt sich wieder auf physische Implikationen zurückführen. Wo während der Tanzszenen noch der Geist den Körper beherrschte und diesen zu atemberaubenden Verrenkungen animierte, übernehmen die fehlgeleiteten Körperfunktionen nun die Kontrolle über den Geist. Die Tänzer verwandeln sich in Zombies, die nur noch ihren wildgewordenen Synapsen und dem Dröhnen des Technos unterliegen.

Das Gelingen von Climax geht einher mit der visuellen Brillanz von Gaspar Noé, der die Exzesse der zweiten Hälfte mittels einer 45-minütigen Kamerafahrt kanalisiert. Wie die Protagonisten dieser Tour de Force ist auch die Kamera immer in Bewegung. Sie heftet sich in willkürlichen Wechseln an die Fersen der Tänzer, die durch den neonlichtdurchfluteten Bauch des Gebäudes taumeln. Dafür kollaborierte Noé einmal mehr mit seinem Stammkameramann Benoît Debie, der auch Harmony Korines ähnlich rauschartigen Spring Breakers einfing.

Als geradlinige Stilübung im Gewand eines Horrorfilms erreicht Climax weder die inhaltliche Tiefe noch die emotionale Wucht von Noés besten Werken. Doch das ist Jammern auf allerhöchstem Niveau: Auch die bis dato schwächste Arbeit des Regisseurs ermöglicht mit seiner formalen Vir­tu­o­si­tät ein intensives Filmerlebnis und bringt unsere Synapsen auch ohne LSD in helle Aufregung.

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Das Horrorgenre gibt uns die Möglichkeit, Schreckensszenarien durchzuspielen und damit Stress aus unserem Unterbewusstsein abzuleiten. Der Horrorfilm bedroht immer die Normalität – sei es durch Geister, Monster oder Serienkiller. In der Regel bestrafen die Antagonisten die Verfehlungen von Sündern, inzwischen verarbeiten postmoderne Horrorfilme diese Motive jedoch auch ironisch und verbreitern damit die ursprünglichen Sujets des Genres.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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