Die Schuld

Ein Film von Krzysztof Krauze

 

 | Erscheinungsjahr: 1999

 | Jahrzehnt: 1990 - 1999

 | Produktionsland: Polen

 

Die Schuld ist Kriminalfilm und Gesellschaftsporträt zugleich: Regisseur Krzysztof Krauze nutzt einen bekannten Kriminalfall, um auf emblematische Weise die postsozialistische Zeitenwende Polens zu beschreiben. Mit einer großen Portion Fatalismus erkundet sein Film ein Land, dessen Wertegefüge in Trümmern liegt, und formt daraus ein fesselndes Filmerlebnis.

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Filmkritik:

Nach einer jahrelangen innenpolitischen Erosion führte ein Regierungswechsel im August 1989 das Ende der Volksrepublik Polen herbei. Für den Wechsel von der sozialistischen Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft richtete sich die neue Regierung nach dem Harvard-Professor Jeffrey Sachs, der eine rigorose Schock-Therapie für die polnische Wirtschaft empfahl. Der „Sachs-Plan“ forcierte einen rasanten Umbruch und nahm dafür Kollateralschäden in Kauf.

Die Schuld spielt in dieser Ära und erzählt von zwei jungen Männern, die im postsozialistischen Turbokapitalismus ihre Chance suchen. Sie wollen italienische Motorroller in Polen verkaufen und suchen händeringend nach einem Kapitalgeber. Der ehemalige Kommilitone Gerard bietet seine Hilfe an, präsentiert den mittellosen Gründern dann jedoch eine nicht abgesprochene Rechnung für seine Dienste. Weil Adam und Stefan die Bezahlung verweigern, beginnt Gerard, die beiden täglich zu terrorisieren, um die vermeintlichen Schulden einzutreiben.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten, es handelt sich um einen national bekannten Kriminalfall. Zuschauern ohne Kenntnis der Ereignisse gibt der Film bereits in den ersten Minuten eine Stoßrichtung vor – es werden zwei geköpfte Leichen am Weichselufer gefunden. Als Genrefilm funktioniert Die Schuld dementsprechend gut, von Anfang an herrscht ein pessimistischer Grundton.

Nach der Eröffnung springt der Film drei Monate zurück und schildert den Werdegang der Protagonisten, deren Situation sich stetig weiter zuspitzt. Wie im Film Noir geraten sie in einen Strudel, aus dem sie sich nicht mehr freischwimmen können. Indem das Drehbuch den Protagonisten Atempausen zugesteht, verstärkt es das Suspense – die bedrohlichen Szenen fallen kurz aus, aber das bange Warten darauf sorgt für Spannung.

Dabei erweist sich der Verzicht auf formale Steigerungen als wirkungsvoll: Krauze setzt von Anfang bis Ende auf nüchterne Bilder, zurückhaltende Darsteller und spärlich eingesetzte Filmmusik. Der dokumentarische Stil erweckt den Eindruck einer Normalität, die den Figuren erst entgleitet und ihnen dann unerreichbar erscheint – der Fatalismus des Films entsteht aus dem Kontrast zwischen dem dramatischen Geschehen und der visuellen Schlichtheit.

Doch Die Schuld überzeugt nicht nur als Genrefilm, er ist weit mehr als das. Krauze zeichnet nebenbei ein detailreiches Zeit- und Gesellschaftsbild. Er macht ständig spürbar, dass die alte Ordnung weggefallen ist und sich die neue noch nicht gebildet hat. In dieser Leere geht die Verantwortung von Partei und Staat auf die Bürger über, doch diese neue Freiheit trügt.

Im Kapitalismus können alle Menschen reich werden – nur nicht jeder von ihnen. Folglich beginnt ein Wettrennen: Es gilt, besser, schneller, cleverer zu sein als die Konkurrenz; dabei ist jeder auf sich selbst gestellt und muss die Ellenbogen ausfahren. Selbst Adam und Stefan, die sich für ihre Idee zusammengetan haben, ergehen sich regelmäßig in gegenseitigen Schuldzuweisungen, zuerst kämpfen sie für sich selbst.

Führen wir diesen Gedanken konsequent zu Ende, gelangen wir unweigerlich zu Gerard, dem Antagonisten des Films. Er ordnet dem Sieg im Wirtschaftswunderwettrennen jegliche Moral unter und handelt ruchloser, gefährlicher, erpresserischer als die Mitbewerber. Für ein paar schnelle Złoty droht Gerard auch schon mal damit, ein Baby aus dem Fenster zu werfen – er ist ein Raubtierkapitalist, der die enthemmte Freiheit des Marktes verkörpert.

Adam und Stefan haben dem nichts entgegenzusetzen. Zunächst gilt auch hier wieder, dass sie auf sich alleine gestellt sind und der Staat keine Verantwortung übernimmt – die Polizei bietet lediglich an, den Antagonisten zu verwarnen. Wie kann also die Reaktion der jungen Männer aussehen? Die Schuld setzt sich eingehend mit dieser Frage auseinander und überzeugt mit einer ambivalenten Figurenentwicklung. Er legt nachvollziehbar dar, wie unterschiedlich die Protagonisten mit ihrem Schicksal umgehen und vermag dabei durchaus zu überraschen.

Damit leitet der Film zum Ende hin zu Dostojewski’schen Grundsatzfragen über und konfrontiert die Männer mit ihrer nun nicht länger finanziellen, sondern moralischen Schuld sowie ihrer individuellen Verantwortung. Adam und Stefan können dem Strudel der Ereignisse nicht entkommen, aber in der neuen Freiheit bleibt es ihnen überlassen, wie sie untergehen wollen. Die Schuld bringt ihre Ohnmacht auf fesselnde Weise zum Ausdruck.

★★★★★☆

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1990 – 1999

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