Der Krieg der Vereinigten Staaten gegen die mexikanischen Drogenkartelle und ihre Produkte wurde bereits in vielen Filmen thematisiert, doch Denis Villeneuve zieht das Geschehen in Sicario erfrischend anders auf: Er bricht die kopflastige Sicht des Publikums auf das Thema und traut sich, womöglich einige Zuschauer zu brüskieren.

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Filmkritik:

Villeneuves kluger Schachzug besteht in der internen Fokalisierung, er erzählt die Geschichte beinahe komplett aus der Sicht einer aufstrebenden FBI-Agentin, die zu einer geheimen Antidrogeneinheit versetzt wird und dort fehl am Platze zu sein scheint – niemand möchte sie wirklich dabei haben, ihre neuen Kollegen wirken deutlich besser ausgebildet und vor allem besser informiert.

Dementsprechend unzuverlässig und unvollständig erscheint das Geschehen zunächst für die Protagonistin und auch für uns Zuschauer. Entgegen der üblichen Hollywoodkonventionen erklärt uns niemand, was eigentlich vor sich geht und die daraus resultierende Hilflosigkeit eint geschickt Hauptfigur und Publikum: Nahezu jede Szene beinhaltet eine Drucksituation ohne Orientierungsmöglichkeit, das dabei entstehende Gefühl der Ohnmacht sorgt für viel Spannung. Dadurch, dass Sicario geschickt mit emotionalen Facetten und moralischen Fragen spielt und fortwährend zur Reflexion zwingt, bricht der Film geschickt die kopflastige Sicht auf das Thema und unterscheidet sich damit deutlich von Werken wie Steven Soderberghs Drama Traffic.

Abseits dieser gelungenen Herangehensweise sorgt Sicario auch noch für tolle Unterhaltung: Die unberechenbare Dramaturgie erzeugt ein durchgängig hohes Spannungslevel, die Dialoge sitzen und die Figurenzeichnung wandelt zwar bisweilen in Klischeenähe, die guten Darsteller fangen das jedoch auf. Benicio del Toro und Josh Brolin glänzen mit dem von ihnen gewohnten Charisma, einzig Hauptdarstellerin Emily Blunt hat mit ihrer passiven Rolle zu kämpfen und kann deren Limitierung zu selten durchbrechen – ein Makel, der jedoch nicht unbedingt nur ihr, sondern auch der Regie angelastet werden kann.

Indiskutabel erscheinen die visuellen Qualitäten des Films. Kameramann Roger Deakins findet fantastische Bilder, die nicht nur dicht an den Protagonisten bleiben und die grundsätzliche Düsternis der Handlung widerspiegeln, sondern in einigen Szenen noch darüber hinaus gehen und derart sphärisch anmuten, dass Amerikas Kampf gegen die Drogen eine zeitlose Archaik verpasst bekommt. Der messerscharfe Schnitt und die trotz ihrer Subtilität präsente musikalische Untermalung von Jóhann Jóhannsson, der bereits Villeneuves vorherigen Film Prisoners aufwertete, verleihen dem Thriller weiteres Flair.

Die fesselnde Inszenierung, die kluge Narration und das hohe Spannungsniveau sorgen für ein rundum zufriedenstellendes Filmerlebnis, Sicario ist bis dato Villeneuves bester Film.

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DAS GENRE

Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auch formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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