Der zerrissene Vorhang markiert einen Wendepunkt in der Karriere Alfred Hitchcocks – seine 50. Regiearbeit leitet das Spätwerk des Master of Suspense ein. Trotz klarer Schwächen verfügt der Spionagethriller über einen hohen Unterhaltungswert, da Hitchcocks gekonnte Regie den Film entscheidend aufwertet.

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Filmkritik:

Der zerrissene Vorhang spielt in der DDR: Der amerikanische Wissenschaftler Armstrong setzt sich als vermeintlicher Überläufer nach Ostberlin ab, um eine geheime Formel für den Westen zu gewinnen. Dabei hat er jedoch nicht mit seiner Verlobten gerechnet, die ihn ungeplant begleitet und damit die ganze Mission gefährdet.

Der Film entstand in einer schwierigen Phase von Hitchcocks Karriere. Die angesagten neuen Wellen in Frankreich und den Vereinigten Staaten liefen dem klassischen Erzählkino zunehmend den Rang ab, Marnie geriet zum Misserfolg. Die langjährigen Kollaborationen mit Kameramann Robert Burks, Cutter George Tomasini und Komponist Bernard Herrmann gingen in die Brüche.

Der perfektionistische Regisseur befand sich also unter Zugzwang, der durch das Studio weiter erhöht wurde. Universal drängte auf zwei gut vermarktbare Stars und veranschlagte das halbe Budget für Paul Newman und Julie Andrews, die beide nicht den Vorlieben des Regisseurs entsprachen.

Die aus Mary Poppins und Meine Lieder, meine Träume bekannte Andrews hatte so gar nichts von einer „Hitchcock-Blondine“ und der Method-Actor Newman stand für das Gegenteil der schauspielerischen Zurückhaltung, die der Regisseur erwartete.

Immerhin in einem Punkt fanden Hitchcock und Newman schnell zusammen – beide zeigten sich unzufrieden mit dem Drehbuch. Doch da der Terminkalender von Julie Andrews eng getaktet war, begannen die Dreharbeiten für Der zerrissene Vorhang trotz des nicht ausgereiften Skripts.

Die Defizite des Drehbuchs durchziehen den ganzen Film, der seinen Plot erstaunlich nachlässig erzählt. Er schert sich nicht um Fragen der Glaubwürdigkeit und lässt sämtliche Figuren vollkommen naiv agieren.

Das verleiht Der zerrissene Vorhang eine B-Movie-Attitüde, die nichts mehr mit dem Perfektionismus von Hitchcocks früheren Thrillern zu tun hat. Die komplett im Studio entstandene DDR-Szenerie tut ihren Teil dazu, besticht aber immerhin durch die schönen Matte Paintings.

Die Schwächen des Drehbuchs sind so ärgerlich, weil im Kern dieses unvollendeten Entwurfes viele gute Ideen stecken. So verleihen etwa clevere Perspektivwechsel der konventionellen Dreiakter-Struktur eine reizvolle Dynamik: Den ersten Akt erleben wir aus der Sicht der Figur von Julie Andrews, im Mittelteil begleiten wir Paul Newman, im letzten Akt beide zusammen.

Außerdem wagt Der zerrissene Vorhang einen Gegenentwurf zur James Bond-Reihe. Das damals 4-teilige Franchise protzte mit hohem Aufwand und vordergründigen Schauwerten; Hitchcock kopiert dieses Erfolgsprinzip nicht, sondern inszeniert das Geschehen möglichst hintergründig und nutzt dafür vor allem eine radikal reduzierte Tonebene.

Schon die wunderbare Eröffnungssequenz transportiert alles Wesentliche visuell. Auch der Konflikt zwischen den beiden zukünftigen Eheleuten – sie hält ihn für einen Landesverräter – findet ausschließlich non-verbal statt. Die Krise der Figuren vollzieht sich daher mehr in unserem Kopf als auf der Leinwand. Diese indirekte Herangehensweise durchzieht den gesamten Film und sorgt für das typische Suspense des Regisseurs.

Die besondere Bedeutung der Tonebene kommt auch in den Spannungsszenen zum Tragen, die weitestgehend auf Musik verzichten. Die Dramatik einer Verfolgungsjagd entsteht hier durch die Schrittgeräusche zweier Männer; eine rustikale Prügelei gewinnt an Spannung, weil sie möglichst geräuschlos vonstattengehen muss. Der minutenlange Kampf konterkariert nebenbei auch noch die beiläufigen Tötungen der Bond-Filme.

In solchen Momenten bewahrt Hitchcocks inszenatorische Meisterschaft den Film vor der Beliebigkeit. Trotz der abstrusen (und damit immerhin unvorhersehbaren) Geschichte und der oberflächlichen Figuren erzeugt Der zerrissene Vorhang einen hohen Unterhaltungswert, weil wir in nahezu jeder Szene auf einen guten Regieeinfall stoßen. Somit ist der Spionagethriller ein „schwacher Hitchcock“, aber ein gutes B-Movie.

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DER REGISSEUR

Alfred Hitchcock ist wohl der bekannteste Regisseur der Welt. Diesen Ruf erwarb sich der Brite mit einer cleveren Selbstvermarktung, aber auch durch unzählige Meisterwerke. Im Lauf seiner 50-jährigen Karriere sicherte sich Hitchcock eine größtmögliche künstlerische Freiheit und schuf dank seiner handwerklichen Brillanz fesselnde Krimis und Thriller, die ihm den Beinamen „Master Of Suspense“ einbrachten.

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DAS GENRE

Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auf formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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