Leben und sterben lassen installierte Roger Moore als Hauptdarsteller und führte das Franchise in eine neue Ära. Der achte Teil der Reihe bereitete den Weg zu den überzeichneten Bond-Filmen der folgenden Jahre und überrascht durch einen ungewöhnlichen Bezug zum Zeitgeist – die Annäherung an das Blaxploitation-Kino führt jedoch zu fragwürdigen Resultaten.

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Filmkritik:

Die Rahmenhandlung von Leben und sterben lassen fällt eine Nummer kleiner als gewohnt aus und begnügt sich mit simplem Krimi-Material: Drei Agenten des MI-6 werden ermordet, 007 soll die Fälle aufklären und findet lose Fäden, die zu einem Gangsterboss aus New Orleans und einem karibischen Diplomaten führen.

Damit ist bereits ein Großteil des schmalen Plots umrissen; wie schon der missratene Vorgänger Diamantenfieber gibt sich das achte Bond-Abenteuer ganz seiner Episodenhaftigkeit hin. Es baut keinen Plot auf, sondern reiht lediglich lose Szenen aneinander und sorgt damit für Abwechslung, aber nicht für Spannung. Dass der Film dem Regie-Routinier Guy Hamilton (Goldfinger) nicht entgleitet, verdankt er auch dem neuen Hauptdarsteller.

Roger Moore stand von Anfang an auf der Liste potenzieller 007-Darsteller und wies seine Tauglichkeit zwischenzeitlich in britischen Krimi-Serien nach. Nach dem endgültigen Abschied von Sean Connery erschien Moore trotz seines Alters von 46 Jahren als logische Wahl und verkörperte James Bond in sieben Filmen – die bis heute längste Dienstzeit.

Schon Im Geheimdienst Ihrer Majestät hatte bewiesen, wie spannend eine durch Hauptdarstellerwechsel induzierte Variation der Hauptfigur sein kann, doch Leben und sterben lassen scheut vor großen Veränderungen zurück. Dem Drehbuch fällt nicht mehr ein, als Bonds Vorliebe für Martini und Zigaretten durch Bourbon und Zigarre zu ersetzen. Somit lastete die Verantwortung für die Auffrischung des Helden ganz auf Roger Moore.

Der neue Hauptdarsteller legt den Agenten ein gutes Stück anders an und ersetzt Connerys unprätentiösen Gentleman durch einen Dandy, der weder sich selbst noch andere ernst nimmt. Diese Interpretation ergänzt die Attitüde der neuen Ära perfekt, denn die Bond-Reihe orientierte sich noch deutlicher in Richtung der ironischen Elemente und entwickelte eine zunehmend comichafte Ausprägung.

Leben und sterben lassen lässt davon schon einige Ansätze erkennen, etwa in der Form eines überzeichneten Sheriffs und im Finale, wo der Film seinen Bösewicht wie in einem Cartoon mit Druckluft aufbläst, zur Decke steigen und platzen lässt – ein absurder Tiefpunkt der Reihe.

Die Neuausrichtung der sonst so autarken Filmserie führte zu einer Offenheit für den aktuellen Zeitgeist. Wie kein anderer Vertreter der Reihe bezieht sich das achte Bond-Abenteuer auf externe Trends und nimmt Bezug auf das Blaxploitation-Kino, das zu Beginn der Siebziger Jahre für Furore sorgte. Drehbuchautor Tom Mankiewicz verlegt den Film in die Bronx und nach New Orleans, hetzt 007 afroamerikanische Schurken auf den Hals und stellt ihm ein ebensolches Bond-Girl an die Seite.

Leider entlarvt sich diese Idee schnell als fauler Marketing-Schachzug und verkommt zur bloßen Anbiederung an das schwarze Kino. Das neue Selbstbewusstsein und die anarchische Coolness von Blaxploitation-Filmen wie Shaft oder Coffy nutzt Leben und sterben lassen zu keinem Zeitpunkt, im Gegenteil: Er konterkariert sie sogar durch Stereotype und rassistische Tendenzen.

Das Menschenbild des Films stört besonders: Jeder Afroamerikaner wirkt latent feindlich und wird entweder als Gangster in Harlem oder als abergläubischer Voodooinsulaner der Karibik charakterisiert. Zur Ausnahme könnte das Bond-Girl Rosie Carver avancieren, doch die erweist sich als moralisch schwach und dürfte zudem die unfähigste Agentin in der Geschichte des Franchise sein. Die schwarzen Stadtviertel zeichnet der Film als Brutherde des Bösen und gefährlich für jeden zivilisierten Weißen.

Ein Lichtblick bleibt das Spiel von Yaphet Kotto, der seinem schalkhaften Bösewicht einige Facetten verleihen kann und die Figur damit rettet. Ohne Abwertung kommt der Film auch hier nicht aus, denn im Gegensatz zu seinen Vorgängern strebt der Antagonist weder Weltherrschaft noch unermesslichen Reichtum an, sondern will lediglich den amerikanischen Drogenmarkt aufmischen – als ob ein Dasein als Drogenbaron schon die höchste Ambition eines Afroamerikaners wäre.

Deutlich interessanter ist die Idee, James Bond mit übernatürlichen Elementen zu konfrontieren. Insbesondere das zweite Bond-Girl, die Wahrsagerin Solitaire, hilft dem lahmenden Plot immer wieder auf die Sprünge, ihre Darstellerin Jane Seymor besticht durch Präsenz und eine stimmige Chemie mit Roger Moore.

Der mysteriöse Voodoopriester Baron Samedi verkörpert den Gegenpart zu Solitaire und dient den Gegnern Bonds. Leider enttäuscht die okkulte Gestalt auf ganzer Linie, da sie 007 nie gefährlich wird, nur in den wenigen Szenen auftritt und nichts weiter tut, als garstig zu lachen.

So bleibt Leben und sterben lassen letztlich ein Film mit vielen Ideen, die er aber nur halbgar umsetzt. Während die Einführung von Roger Moore glückt, wirken Plot und Schauplätze deutlich kleiner gedacht als in vorherigen Ablegern der Filmserie. Die Annäherung an das Blaxploitation-Kino misslingt völlig. Wirklich gelungen ist hier nur eines – der Titelsong von Paul McCartney.

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DIE ÄRA

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