Diamantenfieber zählt zu den Tiefpunkten der Bond-Reihe. Anstatt das Konzept des starken Vorgängers fortzuführen, negiert der siebte Teil dessen Errungenschaften, führt das Franchise zurück in die Beliebigkeit und verkommt zur Travestie.

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Filmkritik:

Was war das für ein Ende! Im Finale von Im Geheimdienst Ihrer Majestät erlebten wir Bond geschlagen und so emotional wie nie zuvor. Ohne auf Spektakel und Ironie zu verzichten, gestand Teil 6 seinem Helden erstmals eine Persönlichkeit zu und mauserte sich zum erwachsensten Film der Reihe. Mit nur einer Schwäche – er enttäuschte an den Kinokassen.

Folgerichtig ruderten die Produzenten mit Teil 7 zurück: Sie kippten das anspruchsvollere Konzept und gingen wieder auf Nummer sicher. Als Regisseur engagierten sie Guy Hamilton, der schon den breitflächig beliebten Goldfinger inszeniert hatte; selbst für den Titelsong griffen sie ein zweites Mal auf Shirley Bassey (ebenfalls Goldfinger) zurück.

Die wichtigste Besetzungsentscheidung entfiel auf die Hauptrolle: George Lazenby verlieh seinem 007 zwar eine coole Unbekümmertheit, dennoch musste der Australier seinen Platz räumen. Obwohl Sean Connery die Rolle nie wieder spielen wollte, gelang es MGM, den Schotten für einen weiteren Einsatz zu verpflichten – sie machten ihn einfach zum bis dato bestbezahlten Schauspieler der Kinogeschichte.

Schon der Auftakt verdeutlicht die Rückbesinnung auf die Konventionen der Reihe: Die (zugegebenermaßen launige) Pre-Title-Sequenz setzt gleich mal den Schlussstrich unter Bonds mehrere Filme anhaltende Feindschaft mit seiner Nemesis Blofeld. Dabei ignoriert Diamantenfieber die Geschehnisse des Vorgängers komplett, nicht mal ein Echo von dessen Tragik dringt herüber – eine ungeheure Verschwendung von Potenzial.

Erwartungsgemäß negiert Hamiltons Film auch die Figurenentwicklung des sechsten Teils. Connery verleiht Bond die bewährte Persona aus Arroganz und Süffisanz und erhält dabei Unterstützung vom Drehbuch, das dem Helden jede Ambivalenz austreibt. Wo 007 in Im Geheimdienst Ihrer Majestät noch über das Ende seiner Laufbahn nachdachte, liebte und weinte, mutiert der „neue“ Bond wieder zum alten Superhelden: immer souverän und ironisch, aber ohne echte Gefühle.

Immerhin spielt Connery nicht mehr so gelangweilt wie in Feuerball und Man lebt nur zweimal, doch ist er eben auch sichtlich gealtert und weit entfernt von der Virilität Lazenbys. Zu Beginn kaschiert Diamantenfieber das noch gut: Die erste Actionszene des Films findet in der Enge eines Fahrstuhls statt, ist packend inszeniert und tarnt Connerys Unbeweglichkeit.

Die anderen Actionszenen enttäuschen hingegen und bewegen sich auf dem Niveau einer durchschnittlichen Folge A-Team. Die Tiefpunkte bilden eine seltsame Verfolgungsjagd durch die Wüste – der jede Dynamik abgeht, weil Bonds Verfolger mehr mit dem Terrain als mit 007 kämpfen – und das Finale auf einer Ölbohrinsel, für das wohl zu wenig Budget übrig blieb.

Der Weg zum Endkampf besteht aus unzusammenhängenden Szenen und konfusen Versatzstücken. Nach der ersten halben Stunde gibt Diamantenfieber jede Kohärenz auf und könnte nicht weiter vom sorgfältigen Handlungsaufbau des Vorgängers entfernt sein. Phasenweise wirkt Bond Nummer 7 wie ein Episodenfilm mit immer denselben Figuren und Sketchen.

Irgendwann erinnert das alles an eine Sitcom: Nahezu jeder Dialog wird auf die Spitze getrieben, nur ganz selten zünden die Sprüche: „That’s quite a nice little nothing you‘re almost wearing.“ Die meisten Oneliner bewegen sich hingegen auf elementarstem Humorniveau; die deutsche Synchronisation macht es sogar noch schlimmer und reiht Kalauer an Kalauer.

Die fehlende Ernsthaftigkeit tut der Figurenzeichnung nicht gut. Sie degradiert Bond zum machohaften Tunichtgut, während der ohnehin schon blasse Bösewicht seinen letzten Funken Ausstrahlung verliert, wenn er sich als Frau verkleidet. Wie wenig sich der Film für die Charaktere interessiert, zeigt der Umgang mit Bond Girl Tiffany Case, die als gewiefte Juwelenschmugglerin vorgestellt wird, vom Film aber weder Grips noch Fähigkeiten erhält und somit lediglich als Stichwortgeberin fungiert.

Zu den prägnantesten Faktoren von Diamantenfieber zählen Bonds Gegenspieler: Die zwei seltsamen Killer Mr. Wint und Mr. Kidd morden zu Beginn des Films unter Zuhilfenahme eigentümlicher Dialoge und marschieren danach Hand in Hand in den Sonnenuntergang. Die Wechselwirkung zwischen dem homosexuellen Duo und dem potenten Bond eröffnet ein interessantes Spannungsfeld, doch leider fällt dem Film überhaupt nichts dazu ein. Wint und Kidd bleiben zu lange außen vor und geraten im grotesken Showdown zu Karikaturen, denen das Schwulsein als Minderwertigkeit angeheftet wird.

Gleiches gilt für zwei lesbische Kampfkünstlerinnen namens Bambi und Klopfer. Schon in Goldfinger bekam es 007 mit der gleichgeschlechtlich orientierten Pussy Galore zu tun; ihre Vorlieben bereicherten die Figur und die Beziehung zu Bond. Bei Bambi und Klopfer bleibt diese Ebene ein reines Gimmick, die Figuren sind Amazonen ohne Persönlichkeit. Die Prügelei mit ihnen stellt einmal mehr Connerys körperliche Defizite zur Schau.

Alles in allem gerät Diamantenfieber zu einem Desaster. Die löchrige Handlung und die comichaften Figuren ziehen das Franchise ins Lächerliche, das Gesamtkonzept wirkt abgenutzt und die Action vollkommen unspektakulär. Mit seiner chauvinistischen Haltung mutet der Film altmodischer als die meisten seiner Vorgänger an.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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