Für die Bond-Reihe bedeutete Im Geheimdienst Ihrer Majestät eine Zäsur: Die Produzenten setzten den Abnutzungserscheinungen der Vorgänger neue Akzente entgegen – und einen neuen Hauptdarsteller. Obwohl der sechste Teil die Schwächen der Vorgänger durch mutige Entscheidungen ausmerzte, erhielt er wenig Anerkennung. Retrospektiv zählt der Film jedoch zu den Höhepunkten des Franchise.

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Filmkritik:

Nach der wunderbaren Pre-Title-Sequenz fährt Im Geheimdienst Ihrer Majestät das Tempo herunter: Zwei Jahre sind seit dem Vorgänger vergangen, die Spur zu Bonds Gegner Blofeld ist erkaltet und der MI6 schickt den ziellosen Agenten in den Urlaub.

War Bond in den Vorgängern ausschließlich dienstlich unterwegs, erleben wir ihn nun von einer privaten Seite: Ein Gangsterboss versucht, 007 mit seiner eigenwilligen Tochter zu verkuppeln, und bietet dem Agenten im Tausch gegen das Ja-Wort Hinweise zu Blofelds Aufenthaltsort. Also vermischt Bond private und dienstliche Interessen, um seinem Erzfeind endlich das Handwerk legen zu können.

Indem sich Im Geheimdienst Ihrer Majestät erstmals für den Menschen Bond interessiert, kehrt der sechste Teil eine entscheidende Entwicklung um: Spätestens in Goldfinger mutierte 007 zum Superhelden und verlor dabei zunehmend an Charakter. Er wurde zum Mann der Tat, der keine Gefühle und keine Haltung mehr besaß; ein Problem, mit dem auch moderne Superheldenfilme kämpfen.

Es entstand eine Figur, die zur leeren Pose verdammt war, was Hauptdarsteller Sean Connery enervierte. Sein gelangweiltes Spiel in Feuerball und Man lebt nur zweimal offenbarte Bonds Formelhaftigkeit. Einige Änderungen an der Figurenanlage waren daher nicht genug – ein neuer Darsteller erschien zwingend notwendig, um dem Protagonisten einen neuen Anstrich zu verpassen.

Da sich die Vertragsverhandlungen mit dem ohnehin abgeneigten Connery hinzogen, engagierten die Produzenten George Lazenby als 007. Durchaus ein überraschender Schachzug, denn der Darsteller arbeitete überwiegend als Fotomodell, seine Schauspielerfahrung beschränkte sich auf einige Werbespots. Es sollte der einzige Auftritt des Australiers bleiben; bis heute wird Lazenby als Fehlbesetzung gebrandmarkt, doch das wird ihm nicht gerecht.

Zwar verfügt er nicht über Connerys Charisma, Lazenby stattet seinen Bond jedoch mit einer jugendlichen Unbekümmertheit aus, die durch seine fehlende Erfahrung vielleicht erst möglich wurde. Darüber hinaus übertrifft der neue Bond-Darsteller seinen Vorgänger in den Actionszenen. Insbesondere bei Faustkämpfen machte Connery einen limitierten Eindruck, Lazenby bewegt sich deutlich agiler.

Die Figur des James Bond verändert sich nicht nur durch Lazenbys Spiel, auch das Drehbuch setzt neue Akzente. Nach Roald Dahls schwachem Skript beim Vorgänger stammt Im Geheimdienst Ihrer Majestät wieder aus der Feder von Stammautor Richard Maibaum, der es glänzend versteht, große Veränderungen einzubauen und gleichzeitig den Hut vor Bewährtem zu ziehen.

Diese Gratwanderung gelingt schon in der Pre-Title-Sequenz, in der Bond von einer Dame stehen gelassen wird und süffisant feststellt: „This never happened to the other fella.“ – ein wunderbar ironischer Meta-Kommentar des Drehbuchs! Die Achtung vor den vorherigen Werken drückt auch eine Szene aus, in der Bond seinen Schreibtisch ausräumt und dabei auf Souvenirs aus den Vorgängern stößt, inklusive eines kurzen Anspielens der jeweiligen Titelmelodien.

Den Reminiszenzen zum Trotz entwickelt Im Geheimdienst Ihrer Majestät seinen Protagonisten in eine neue Richtung. Es handelt sich noch immer um die größte Änderung in der Geschichte des Franchise – ein Großteil der Ideen, die später den groß propagierten Neustart der Daniel Craig-Bonds ab Casino Royale einläuteten, fanden hier bereits 40 Jahre vorher Verwendung.

Erstmals in der Filmserie hegt Bond ernsthafte Gefühle für eine Frau, was Im Geheimdienst Ihrer Majestät mit einer in der Serie einmaligen Montage voller gemeinsamer Spaziergänge und Ausritte zeigt, die jeder Romanze zur Ehre gereichen würde. Der gehobene Stellenwert des Bond-Girls Tracy macht auch aus Produzentensicht Sinn, da sie von Diana Rigg (Mit Schirm, Charme und Melone) gespielt wurde, die die fehlende Starpower Lazenbys ausgleicht.

Mit Bonds unerwarteter Liebe geht auch eine neue Sichtweise auf sich selbst und die Welt einher. Plötzlich sieht der passionierte Abenteurer das Agentenleben nur noch als Job. Doch diese Einstellung verträgt sich nicht mit den Anforderungen des Berufsstandes, wie Bond weiß: „An agent shouldn’t be concerned with anything but himself.“ Folgerichtig denkt der neue, durch seine Liebe gereifte Bond sogar an ein Karriereende.

Bevor er seine Walther PPK an den Nagel hängt, will er aber noch Blofeld das Handwerk legen. Suspense kommt vor allem im Mittelteil des Films auf, in dem sich Bond inkognito (herrlich: als verklemmter Heraldiker) in Blofelds Zentrale in den Schweizer Alpen einquartiert. Dadurch kommt es erstmals zu einer längeren Begegnung der beiden Erzfeinde. Telly Savalas verleiht dem Bösewicht eine subtile Vulgarität und ist körperlich viel präsenter als Donald Pleasence in Teil 5.

Das letzte Drittel des Films steht ganz im Zeichen mitreißender Actioneinlagen. Die Verfolgungsjagden auf Skiern, per Auto und sogar in einer Bobbahn sorgen für beste Unterhaltung, die in einem außergewöhnlichen Finale endet – erstmals ist Bond der Verlierer und wird zugleich Opfer seiner persönlichen Weiterentwicklung; vielleicht die emotionalste, tragischste Szene aller Bond-Filme.

Der überraschende Schlusspunkt von Im Geheimdienst Ihrer Majestät hätte eine neue Ära in der Geschichte des Franchise prägen können. Die wenig berauschenden Einspielergebnisse, die durchwachsenen Kritiken und die Starallüren von George Lazenby verhinderten das.

Das sechste Bond-Abenteuer wurde trotz seiner großen Qualität als Ausrutscher geschmäht. Sein Nachfolger Diamantenfieber negiert sowohl den Plot als auch die Weiterentwicklung des Protagonisten – die Rückkehr Sean Connerys degradierte den spannenden Menschen Bond wieder zum Superhelden.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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