Der postmoderne Kriminalfilm Brick verlegt einen Film Noir an eine kalifornische High School und überzeugt mit diesem originellen Experiment auf ganzer Linie. Obwohl Tod und Intrigen unter Jugendlichen in der Theorie unfreiwillig komisch erscheinen, funktioniert dieser Ansatz prächtig und sorgt für ein ungewöhnliches Filmerlebnis.

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Filmkritik:

An seiner Ernsthaftigkeit lässt Brick von Anfang an keine Zweifel und eröffnet mit der Leiche eines toten Mädchens. Es ist die Ex-Freundin des cleveren Teenagers Brendan, der fortan die Umstände ihres Todes aufklären will. Der Plot von Drehbuchautor und Regisseur Rian Johnson nimmt es problemlos mit den Referenzfilmen der Strömung auf und breitet genüsslich ein Puzzle vor uns aus, dessen Lücken sich nur langsam schließen.

Die Ermittlungen des Außenseiters Brendan führen ihn unweigerlich zur High Society der High School und offenbaren Hintergründiges aus der Vergangenheit und Intrigantes aus der Gegenwart. Gleich mehrere Femme fatales und diverse Interessengemeinschaften sorgen für ein undurchsichtiges Gewirr an Fäden, die es zu entspinnen gilt. Insgesamt bevölkert ein gutes Dutzend Nebenfiguren den Film, die von durch die Bank weg überzeugenden Jungdarstellern gespielt werden und darüber hinaus auch durch ihre ambivalente Anlage gefallen. Brick verleiht jedem der Charaktere ein klares Profil und eigene Beweggründe, sodass Brendans Begegnungen mit ihnen stets unter einer ungewissen Spannung stattfinden. Aufgrund der unklaren Verhältnisse und der Vielzahl von vagen Andeutungen schlummert in jeder kleinen Geste eine potenziell große Bedeutung und in jedem Satz eine latente Lüge – dadurch generiert der Film viel Suspense und bleibt durchgängig unvorhersehbar.

Die wohlformulierten Dialoge zählen zu den artifiziellsten Elementen von Brick, versprühen jedoch auch viel Flair und werden durch leise Ironie geerdet. Dabei sollten sie besser ernst genommen werden: Während die herrlich inszenierten körperlichen Auseinandersetzungen eher Nebenschauplätze darstellen, besiegeln verbale Gefechte das Schicksal der Protagonisten. Wie in den klassischen Vorbildern (Dein Schicksal in meiner HandDie Spur des Falken) verleihen Informationen eine größere Macht als physische Gewaltanwendung.

Doch nicht nur inhaltlich, sondern auch formal huldigt Rian Johnson der klassischen Ära des Film Noir. Brick ist schlichtweg umwerfend inszeniert, was noch bemerkenswerter erscheint, weil es sich um einen Debütfilm handelt. Mit seinen Tempovariationen und unkonventionellen Perspektiven sorgt Rian Johnson für Dynamik, gleichzeitig imponiert der Film durch seine Unaufgeregtheit. Der lakonische Tonfall entschärft die Künstlichkeit des Szenarios und streicht zusätzliche Coolnesspunkte ein.

Wie im klassischen Film Noir verläuft die Kameraführung auf niedriger Höhe, erzeugt damit ein stimmungsvolles Noir-Feeling und sorgt im Wortsinne für eine überhöhte Welt. Die vielen Innenaufnahmen erzeugen eine beklemmende Stimmung und spiegeln geschickt die eingefahrene Situation wieder; nur wenige Szenen löst Johnson über eine Totale auf, erzielt damit jedoch einen wirkungsvollen Effekt. Entgegen der alten Klassiker spielt Brick nicht in dunklen Großstadtnächten, sondern an lauen Sommernachmittagen. Dank einer verwaschenen Farbgebung erzeugt der Neo-Noir dennoch eine sinistere Atmosphäre, zu der die ominöse Musik von Rian Johnsons Bruder Nathan ihr Übriges tut, um die dichte Stimmung zu nähren.

Mit seinem ersten Spielfilm ist Rian Johnson ein Meisterwerk gelungen. Brick huldigt den großen Klassikern der Schwarzen Serie, ohne sie plump nachzubuchstabieren. Durch die originelle Idee besitzt der Film ein Alleinstellungsmerkmal und ist darüber hinaus bestechend inszeniert. Auch mehr als zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung überzeugt Brick als besonderer Geheimtipp.

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DAS GENRE

Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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