The Inheritance markiert einen spannenden Punkt in der Karriere von Masaki Kobayashi. Zwischen mehreren Meisterwerken drehte der japanische Ausnahmeregisseur diesen „kleinen“ Film und verließ dabei die Gefilde seines traditionellen Inszenierungsstils. Stattdessen bediente sich Kobayashi beim amerikanischen Film Noir und setzte diesen mit den Mitteln der Japanischen Neuen Welle in Szene.

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Filmkritik:

The Inheritance stürzt uns in ein zutiefst amoralisches Treiben. Als ein wohlhabender Industrietycoon seinem Umfeld mitteilt, dass er im Sterben liegt, wetteifern Familienmitglieder, Anwälte und Mitarbeiter um dessen Millionenerbe. Um einen möglichst großen Teil des Vermögens einzustreichen, schrecken sie auch nicht vor Intrigen und Erpressung zurück.

Wie die meisten Werke von Kobayashi besitzt auch The Inheritance einen gesellschaftskritischen Subtext und prangert den Materialismus der Menschen an. Den sterbenden Geschäftsmann erhebt der Film zum Negativbeispiel: Ein Leben lang hat er nur gearbeitet und Reichtum angehäuft, ohne zu leben – seine Frau hasst ihn und eine Familie gibt es nicht; drei illegitime, aus Seitensprüngen resultierende Kinder hat er nie gesehen. Was hat dem Unternehmenslenker das viele Geld, für dessen Anhäufung er sein Leben lang gearbeitet hat, also gebracht?

Die anderen Figuren versinken ebenfalls im Materialismus. Die Aussicht auf Reichtum korrumpiert die Protagonisten, für das schnelle Geld entsagen sie allen anderen Werten – Moral, Aufrichtigkeit, Freundschaft werden der Gier untergeordnet. Kobayashi zieht daraus eine ironische Schlussfolgerung: Gerade weil die Figuren den grundsätzlichen Tugenden abschwören, sinkt ihre Chance auf das Geld. Durch ihre schmutzigen Machenschaften ziehen sich die Figuren gegenseitig in den Abgrund.

Die pessimistische Zeichnung der Charaktere erinnert an den Film Noir und bietet keine positive Bezugsperson – alle Protagonisten haben in unterschiedlichen Ausprägungen Dreck am Stecken. Empathische Bezugspunkte für uns Zuschauer ergeben sich dabei nicht, das Suspense des Films entsteht eher aus der Frage, wie weit die unsympathischen Figuren gehen und wer am Ende für seine Missetaten belohnt wird.

Neben den inhaltlichen Parallelen verweist auch die Ästhetik von The Inheritance auf die Schwarze Serie. Die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bilder und die gekonnte Lichtsetzung spiegeln den sinisteren Plot. Wie viele der amerikanischen Kriminalfilme dieser Ära beginnt auch Kobayashis Werk am Ende und erzählt via ausgedehnter Rückblende, die ab und an von einem Voice Over kommentiert wird.

Dem gegenüber steht eine moderne Inszenierung, die untypisch für Masaki Kobayashi ist und eher an den Stil von Neue Welle-Regisseuren wie oder erinnert. The Inheritance montiert seine Sequenzen so stylisch wie anspruchsvoll: Die Szenen gehen derart nahtlos ineinander über, dass Raum und Zeit des Geschehens unbestimmbar werden. Kobayashi erzielt damit eine größtmögliche Verdichtung – ohne beruhigende Übergänge und Füllszenen zwingt uns der Regisseur den Tunnelblick der gierigen Protagonisten auf.

Zu den handwerklichen Vorzügen des japanischen Noirs zählen auch der subtile Jazz-Score von Komponistenlegende Tôru Takemitsu und Kobayashis ausgezeichnete Mise en Scéne, die immer wieder tolle Figurentableaus vor uns ausbreitet.

Die souveräne Regie zeugt von der enormen Schaffenskraft Kobayashis, der The Inheritance als „kleinen“ Lückenfüller zwischen mehreren Meisterwerken drehte. Zuvor realisierte der Regisseur die epische Barfuß durch die Hölle-Trilogie, kurz darauf sollte sein fantastisches Samurai-Drama Harakiri entstehen.

Obwohl The Inheritance nicht die Qualität dieser Arbeiten erreicht, kann hier die Breite von Kobayashis Können entdeckt werden. Da er nicht nur traditionelle Inszenierungen, sondern auch die Übersteigerungen der Japanischen Neuen Welle beherrscht, macht sein düsterer Krimi einigen Spaß.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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