Bereits in seiner ersten Sequenz beweist Es war einmal in Amerika seine Hingabe zur Epik und verbindet mit einem fast schon mythischen Telefonklingeln drei Handlungsebenen, überspannt damit einen Zeitraum von 50 Jahren. Wir wissen hier noch nicht, dass dieses Klingeln absolut alles ändern und vieles zerstören wird, aber es ist klar, dass es eine große Bedeutung hat.

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Filmkritik:

Es war einmal in Amerika ist kein gewöhnlicher Gangsterfilm. Sergio Leone fokussiert sich nicht auf die Verbrechen einer Bande, sondern schildert nicht weniger als das ganze Leben der Protagonisten. Über beinahe vier Stunden Spielzeit verwebt der Filmemacher die Jugend der Protagonisten (im Jahr 1920) mit ihrem Tun als Erwachsene (1932) und als Männer am Ende ihres Lebens (1968).

Die ineinander verschachtelte Narration stellt das Prunkstück des Films dar und funktioniert hervorragend. Zwar fehlt dem Film dadurch ein zentraler Kern, jedoch formt er gekonnt einen Erzählfluss, der nachvollziehbar und organisch Bezüge zwischen den Zeitebenen herstellt und uns in die Lage versetzt, nach und nach herausfinden zu können, wie sich diese in ihrer Tragik fast schon an Shakespeare erinnernde Geschichte zugetragen hat.

Doch nicht nur die erzählerischen Qualitäten haben Es war einmal in Amerika einen Ruf als Meisterwerk eingebracht, auch handwerklich hat Leones Werk viel zu bieten: Mit seinen prächtigen Dekors und Kulissen lässt der Film die Vergangenheit wiederauferstehen und versetzt das Publikum gekonnt in die jeweilige Zeitebene.

Kamera und Musik gefallen ebenfalls und das alles durchdringende Pathos mag zwar anfangs etwas gezwungen wirken, erweist sich im Laufe der langen Spielzeit jedoch als effektvoll. Auch das Ensemble überzeugt, wobei überraschenderweise nicht der eher solide Robert De Niro, sondern Nebendarsteller James Woods herausragt.

Vom Status eines Meisterwerks ist Es war einmal in Amerika trotz seiner vielen Qualitäten dennoch weit entfernt und fährt in unschöner Regelmäßigkeit misogyne Tiefpunkte auf, wie man es im Mainstreamkino selten gesehen hat. Der Gangsterfilm mag schon immer eine Männerdomäne gewesen sein, doch entschuldigt dies keinesfalls den Umgang mit seinen Frauenfiguren, die hier aus einer chauvinistischen Perspektive betrachtet werden und ausschließlich als Spielzeug der Männer dienen.

In seiner ganzen Ernsthaftigkeit erklärt uns Es war einmal in Amerika, dass Frauen „ja“ meinen, wenn sie „nein“ sagen, dass eine von Schlägen begleitete Vergewaltigung beiden Parteien Spaß bringt – die stets wollüstige Frau will es doch „irgendwie“ – und dass Frauen ohnehin schuld sind, wenn sie vergewaltigt werden.

Gleich zwei Vergewaltigungen beinhaltet der Film und schafft es tatsächlich, alle beide in Kontexte zu setzen, bei denen die Frauen trotz ihrer Opferrolle auch noch diffamiert werden. Die deutlich weniger feministische Zeit der Handlung stellt übrigens kein verharmlosendes Argument dar – denn nicht das Tun der Charaktere ist hier so verwerflich, sondern die Perspektive des Films, der das Gewaltmonopol der dadurch (!) ach so potenten Männer feiert und bei dem Frauen bestenfalls willig sind und keinesfalls über eine Persönlichkeit verfügen.

Auch über das glorifizierende Männerbild des Films ließe sich berichten und das allgegenwärtige Phallussymbol der Pistole, die wortwörtlichen Schwanzvergleiche und diverse andere Elemente, an denen Sigmund Freud einigen Spaß gehabt hätte; doch letztlich wären das der Worte zuviel.

Es war einmal in Amerika fällt regelrecht in sich zusammen. Mit all seinem Pathos und der visuellen Pracht bemüht sich der Film stetig, das Leid seines Helden zu beklagen; doch wie soll das Publikum Sympathie zu einem Vergewaltiger aufbauen? „Toller Typ“ ist da nicht gerade der Terminus der Wahl. Es bleibt eine Hülse von Film, die ganz großes Kino behauptet, aber nur ein ganz kleines Weltbild findet.

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DER REGISSEUR

Sergio Leone widmete den Großteil seiner Karriere dem Western und sorgte in den Sechziger Jahren für einen Paukenschlag. Mit seiner Dollar-Trilogie entwickelte der Regisseur den Italowestern. Diese rauen, unmoralischen Werke revolutionierten das Genre und sorgten für zahllose Epigonen. An Leone brillante Inszenierungen reichte jedoch kein Nachfolger heran – durch seinen ausladenden Stil definierte der Italiener den Begriff „Pferdeoper“.

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Sergio Leone widmete den Großteil seiner Karriere dem Western und sorgte in den Sechziger Jahren für einen Paukenschlag. Mit seiner Dollar-Trilogie entwickelte der Regisseur den Italowestern. Diese rauen, unmoralischen Werke revolutionierten das Genre und sorgten für zahllose Epigonen. An Leone brillante Inszenierungen reichte jedoch kein Nachfolger heran – durch seinen ausladenden Stil definierte der Italiener den Begriff „Pferdeoper“.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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