Weil François Truffaut für die Adaption von Fahrenheit 451, dem dystopischen Romanklassiker von Ray Bradbury, in Frankreich keine Geldgeber fand, wagte er sich an seine erste und einzige englischsprachige Produktion und drehte in London mit einem internationalen Cast, zu dem Oskar Werner und Julie Christie zählen. Leider scheitert Truffauts Verfilmung aufgrund zweier wesentlicher Schwächen.

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Filmkritik:

Im Gegensatz zu Bradburys Roman spielt Truffauts Werk in gar nicht allzu ferner Zukunft und verzichtet bewusst auf die typischen Schauwerte des Genres, um eine Abstraktion von Bradburys Idee zu verhindern; die Vision eines Staates, in dem Bücher illegal sind, gesucht und verbrannt werden, rückt deutlich dichter an die Gegenwart heran.

Die regelrecht altmodischen Studiobauten lassen gar nicht erst den Eindruck aufkommen, die Handlung spiele in einer weit entfernten Zukunft. Daraus ergibt sich jedoch ein großer Nachteil – inzwischen haben wir Truffauts Variante der nahen Zukunft längst hinter uns gelassen, die visuelle Ebene des Films wirkt völlig anachronistisch mit ihrem seltsamen Retrochic.

Als noch schlimmer erweist sich der Fehler, den inhaltlichen Fokus von Fahrenheit 451 zu verschieben. Im Gegensatz zu Orwells 1984 und Huxleys Schöne neue Welt handelt Bradburys Werk interessanterweise gar nicht so sehr von einer dystopischen Diktatur, die ihre Bürger beherrscht, sondern setzt sich kritisch mit den Bürgern selbst auseinander – die Bücher wurden vom Staat verboten, weil die Gesellschaft dies forderte und sich zunehmend in geistloser medialer Unterhaltung verliert. Der Roman schildert eine Menschheit, die alles Soziale, das Zuhören und Reflektieren verlernt hat und nur noch vor dem Fernseher dahinvegetiert, dabei jedoch „glücklich“ ist.

Truffauts Film zeigt dies nur in Ansätzen, schiebt den schwarzen Peter lieber auf das autoritäre staatliche System, verliert damit den kritischen Kern seiner Vorlage und belässt es bei simpler Schwarz-Weiß-Zeichnung. Zudem funktioniert der emotionale Mittelpunkt des Buches, der Konflikt zwischen dem sich langsam aus seiner Erstarrung lösenden Protagonisten und seiner emotional verkümmerten Ehefrau im Film deutlich schlechter.

Dabei kann Fahrenheit 451 die Änderungen nicht einmal für etwas Positives nutzen. Neben der tristen Optik enttäuscht auch Truffauts blasse Regie, während der Kamera des später zum Regisseur avancierten Nicolas Roeg absolut nichts von dessen inszenatorischer Raffinesse anzumerken ist. Einzig die Darsteller sorgen für etwas Dynamik, insbesondere Julie Christie mit ihrer Doppelrolle bringt etwas Leben in diesen altbackenen Film.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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